GEGENTRIBÜNE

Der FC St.Gallen ist derzeit hinten und vorne nicht gut genug für Platz 5

Die nachhaltige Wende beim FC St.Gallen wird zu einem Langzeitprojekt. Dessen wurden sich die Anhänger in den beiden ersten Ernstkämpfen dieses Jahres bewusst. Das öffnet den Blick auf die Realitäten.
12.02.2018 | 18:21
Fredi Kurth
Die neue Führung hatte sich im Hinblick auf das Spiel gegen den FC Zürich einiges erhofft: Neuer Schwung, volles Haus und ein Sieg. Entsprechend waren die Erwartungen bei den Anhängern und entsprechend war die Ernüchterung nach dem 1:2 gegen den verunsicherten Aufsteiger. Dabei hat der FC St.Gallen, den ersten Match der Rückrunde gegen Sion eingerechnet und ebenfalls schon unter frischer Leitung, bisher seinem Potenzial entsprechend abgeschnitten. Ein Sieg gegen Sion, Niederlagen in Bern und daheim den FC Zürich – das hat es schon im Herbst gegeben.
 

Verzicht auf Erfahrung

Nur eben, das war nicht der Anspruch. Vielleicht hat es mit dem Aufschwung auch deshalb noch nicht geklappt, weil die neue Mannschaft im Backstage auch die Mannschaft auf der Fussballbühne tiefschürfend verändern wollte. Ein neuer Torhüter und einige neue Feldspieler waren plötzlich gefragt, und jung sollte der FC St.Gallen sein, ab sofort. Nach dem Spiel gegen die Young Boys hat Trainer Giorgio Contini zurückgerudert. Mit Danijel Aleksic und Roman Buess wurde diesen Sonntag von Anfang an mehr Abschlussvermögen eingewechselt.

Von den Neuen erhielten einzig noch Cedric Itten und Torhüter Dejan Stojanovic das Vertrauen. Jung ist die Mannschaft vor allem im defensiven Verbund geblieben, mit Silvan Hefti und Silvan Gönitzer. Der Verzicht auf Erfahrung scheint im Vordergrund zu stehen: Haggui, Wittwer und Lopar waren nicht mehr im Einsatz, Barnetta zudem gesperrt. Alle galten in der Saison 2016/17 als Hoffnungsträger, mit denen sich die Mannschaft dann auch vom Tabellenende verabschiedete – ehe sie im Frühjahr wieder die Krise ereilte.
 

Sechs Niederlagen, zwei Siege

Kurswechsel sind möglich und notwendig, und sie sind durchführbar, so lange sich die Mannschaft nicht in unmittelbarer Abstiegsgefahr befindet. Die Absicht war ja auch, die Unbeständigkeit mit dem bunten Wechsel von Sieg und Niederlage und keinen Unentschieden mehr zu eliminieren. Nun ist die Konstanz tatsächlich da. Nur nicht, wie es die Absicht war. In den letzten acht Super League Spielen gab es sechs Niederlagen und bloss zwei Siege. Der Abstand zum Tabellenletzten Sion blieb deshalb gewahrt, weil den Wallisern in den vergangenen 13 Spielen lediglich ein Sieg gelang bei drei Unentschieden und zuletzt fünf Niederlagen hintereinander.

Verfehlt wäre es aber, sich einfach auf die Statistik zu verlassen, die St. Galler würden nun weiterhin gleich abschneiden wie in der Herbstrunde. Dann dürfte die Mannschaft getrost auch noch die nächsten Spiele in Basel (was von einiger Wahrscheinlichkeit ist) und daheim gegen Lugano verlieren. Dass später St. Gallen daheim gegen Basel gewinnt gegen Young Boys unentschieden spielt, ist aber noch nicht sicher...
 

Auf der Suche nach einem Stamm

Wie weiter also? Continis Team braucht Beständigkeit, vor allem auch in der Aufstellung. Es gilt der alte Grundsatz: Es kommt auf die Mischung an. St.Gallen braucht junge, agile Spieler wie Lüchinger, Aratore oder Hefti. Es braucht die Erfahrung von Wiss, Toko und Barnetta und vielleicht auch jene von Haggui. Es braucht die Kämpfernatur Buess. Auch Aleksic sendete positive Signale aus, so wie er sich im Spiel bewegte und wie er an der Eckfahne die Zuschauer ermunterte, Lärm zu machen.

An der Torhüterposition dürfte so rasch nicht gerüttelt werden. Auch wenn Stojanovic mit Ball am Fuss noch nicht die bei ihm vermutete Sicherheit ausstrahlte. Die Aufgabe des Trainers ist es, aus dem grossen Angebot an Spielern das Beste herauszuholen. Diesbezüglich ist bei Hefti offen, ob er aussen in einer Viererkette nicht besser zur Geltung käme.
 

Wie Barcelona oder Lugano?

Bleibt die Frage nach der taktischen Ausrichtung. Was die Zuschauer am Sonntag am meisten ärgerte, war das langatmige Ballgeschiebe. Immerhin entstand aus einem Tempowechsel der fein herausgespielte, einzige St.Galler Treffer.

Kann St.Gallen spielen wie Barcelona? Oder ist doch eher die Betonmischung des FC Lugano gefragt? Trainer Pierluigi Tami hat seine Mannschaft auf den aktuell vierten Platz gebracht, obwohl sie am wenigsten Tore erzielt hat, noch weniger als Sion. Somit sind wir bei grundsätzlichen Themen angelangt, die auch den Weltfussball beschäftigen. Man kann mit Konterfussball, wie ihn Lugano praktiziert, selbst die Premier League gewinnen. Das haben zuletzt Leicester City und Chelsea bewiesen. Aber mit totalem Offensivfussball wird in dieser Saison Manchester City englischer Meister.

Zurück ins kleine Zimmer des FC St.Gallen: Eine klare Orientierung tut auch deshalb not, weil die Mannschaft am zweitmeisten Tore erhalten, aber auch nur am drittwenigsten Tore erzielt hat. Sie muss sich hinten und vorne verbessern, sonst gerät der angestrebte fünfte Platz in weite Ferne.
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