JUBILÄUM

«Wohneigentum wird überleben»

Der St.Galler Hauseigentümerverband ist hundert Jahre alt. Schon 1917 war der Kampf gegen höhere Abgaben ein zentrales Thema - und ist es bis heute. Dennoch bleibe Wohneigentum attraktiv, sagt der Präsident.
19.06.2017 | 06:35
Fritz Bichsel

Fritz Bichsel

ostschweiz

@tagblatt.ch

Für den Hauseigentümerverband (HEV) des Kantons St. Gallen hat der politische Kampf zentrale Bedeutung. Das zeigt etwa die Tatsache, dass an der Versammlung der Delegierten aus den örtlichen oder regionalen HEV-Sektionen im Kanton heute in der Lokremise St. Gallen die Ständerätin Karin Keller-Sutter das Festreferat hält. In der Jubiläumsschrift zu 100 Jahre HEV Kanton St. Gallen nehmen weitere Politiker Stellung (siehe Zweittext).

Wie der HEV Schweiz (seit 1916 aktiv) und der HEV Kanton St. Gallen (seit 1917) feiern seit kurzem oder in Kürze auch regionale Sektionen das 100-Jahr-Jubiläum. Auslöser für die Gründungswelle in der Zeit des Ersten Weltkrieges waren Belastungen für Hausbesitzer: Aus Finanznot führte der Bund eine Kriegssteuer und der Kanton St. Gallen hohe Beiträge der Eigentümer an die Strassen ein. Den Kampf gegen höhere Abgaben bezeichnet Kantonalpräsident Walter Locher als wichtige Aufgabe des HEV auch heute und in Zukunft. Auch wirtschaftliche Probleme von Eigentümern gaben Anstoss zur Verbandsgründung. Der HEV half mit einer Versicherung gegen Ausfälle, weil in der Kriegszeit viele Mieter die Wohnung aufgeben mussten. Heute bietet er eine ganze Reihe Dienstleistungen, von Beratung über Ausbildung oder Vergünstigung bei Einkäufen bis zum Verkauf von Liegenschaften. Der Kantonalverband St. Gallen führt dafür seit 20 Jahren ein Unternehmen, die HEV Verwaltungs AG.

Der Hauseigentümerverband ist gleich föderalistisch organisiert wie die Schweiz. Auf Bundes- und Kantonsebene werde das wegen der politischen Aufgaben so bleiben, sagt Locher. In den Sektionen für einzelne oder mehrere Gemeinden stehen hingegen Dienstleistungen für Mitglieder im Vordergrund. Damit diese professionell angeboten werden können, entstehen grössere Sektionen. Locher erwartet weitere regionale Zusammenschlüsse, wie sie beispielsweise im Sarganserland oder im Toggenburg bereits erfolgten. Wie in der Politik hält auch der HEV für seine Arbeit das Milizsystem hoch. Allerdings wirken in der Führung des Kantonalverbandes und seiner derzeit 17 Sektionen erst vereinzelt Frauen mit.

Fast 30000 Mitglieder im Kanton

Hauseigentümer sind im St. Galler Kantonsrat die grösste Gruppe und auch im Bundesparlament eine grosse, in der Bevölkerung jedoch in der Minderheit – dies im Gegensatz zu anderen Ländern. So gelang es ihnen bisher nicht, die 1934 in der Wirtschaftskrise eingeführte Eigenmietwertsteuer wieder abzuschaffen. Der Anteil der Wohneigentümer schwankt nach Struktur, im Kanton St. Gallen von 15 Prozent in Städten bis zu gut 50 Prozent auf dem Land. Mit Eigentumswohnungen holen urbane Regionen auf. Walter Locher erachtet es als Aufgabe des Verbandes, hier auch neue Eigentumsformen zu entwickeln. HEV-Mitglieder hat St. Gallen überdurchschnittlich viele: fast 30000, neun Prozent des Gesamtverbandes, bei einem Bevölkerungsanteil von sieben Prozent. Im Kanton kämpft der Verband derzeit bei Richtplan und Baugesetz für genügend Bauland und Baumöglichkeiten, beim Verkehrskonzept für bessere Erreichbarkeit mit dem privaten und öffentlichen Verkehr und in der Finanzpolitik gegen weitere Steuererhöhungen.

«Wohneigentum bleibt attraktiv. Die schwierige Situation beim Finanzieren wird sich wieder ändern; Haus- und Grundeigentum wird weitere 100 Jahre überleben», blickt der Kantonalpräsident in die Zukunft. Zentral ist für Locher, dass das Eigentum weiterhin gefördert wird: vom Staat bei der Steuerpolitik, vom Verband durch Dienstleistungen und politischen Kampf. «Die Vision vom Eigenheim muss möglich bleiben.» Denn Eigentum sei «fundamental für das Funktionieren unseres Staates und ein tragender Pfeiler einer liberalen Gesellschaft».

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