THURGAU

Wohnung sucht Mieter

Im Thurgau stehen prozentual so viele Wohnungen leer wie seit 2003 nicht mehr. Gründe sind die stagnierende Zuwanderung und die Bautätigkeit. Experten prognostizieren eine Abschwächung des Baubooms.
13.09.2017 | 06:59
Silvan Meile, Sebastian Keller

Silvan Meile, Sebastian Keller

thurgau@thurgauerzeitung.ch

Zwei Prozent. So viele Wohnungen standen im Thurgau am 1. Juni leer, wie die neusten Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen. Der Schweizer Durchschnitt liegt bei 1,47 Prozent. Im Thurgau erreichte die Leerwohnungsziffer, welche die Zahl nicht bewohnter Wohnungen ins Verhältnis zum Wohnungsbestand setzt, damit einen neuen Höchststand. In absoluten Zahlen: Am Stichtag waren 2598 Wohnungen zwischen Bodensee und Hörnli unbewohnt. Der Thurgau ist mit einer steigenden Anzahl aber nicht alleine. «Diese Entwicklung liegt im schweizweiten Trend», sagt Robert Weinert. Der Leiter Immo-Monitoring beim Beratungsunternehmen Wüest Partner analysiert den Immobilienmarkt. Gründe für mehr leere Wohnungen sieht Weinert primär zwei: einerseits die rege Bautätigkeit, andererseits die ­stagnierende Zuwanderung. Oder anders gesagt: Wohnraum kommt schneller auf den Markt, als dieser nachgefragt wird.

Bewilligungen für Bauprojekte gehen zurück

Auch beim Thurgauer Hauseigentümerverband (HEV) verfolgt man die Entwicklung. «Im Thurgau war diese Quote schon immer etwas höher als der Schweizer Schnitt», sagt Präsident Gallus Müller. Im Vergleich zu anderen Kantonen sei der aktuelle Anstieg im Thurgau eher bescheiden. Deshalb sei die Situation auch nicht alarmierend; zu denken gebe sie aber trotzdem. «Auch eine leere Wohnung kostet.» Für Müller ist klar: Einer der Hauptgründe für diese Entwicklung ist die Lage auf den Finanzmärkten. Selbst wenn in der Immobilienbranche die Renditen sinken, könnte der Bauboom anhalten. «Für Anleger ist diese Situation immer noch besser als Negativzinsen zu bezahlen», sagt Müller. Tatsächlich bestehe die Gefahr, dass sich wegen fehlender Alternativen für Investoren die Anzahl Leerwohnungen weiter nach oben bewegt. Diesen sogenannten Anlagedruck beobachtet auch Analyst Robert Wei­nert. Aufgrund der bewilligten Baugesuche dürfte aber zumindest die Bautätigkeit im Thurgau etwas abflachen. So wurden im Kanton zwischen Mitte 2016 und Mitte 2017 Bauprojekte für rund 1800 Wohneinheiten bewilligt. «Diese Zahl liegt deutlich unter dem Durchschnitt der Vorjahre», sagt Weinert. In den Jahren 2014 und 2015 lag der Schnitt bei rund 2200 Wohneinheiten. «Also deutlich mehr.» Von einer Trendwende hin zu einer «Baubaisse» möchte der Analyst aber noch nicht sprechen. Ähnliches ergibt eine Nachfrage bei der Thurgauer Kantonalbank: «Die weiterhin tiefen Zinsen haben trotz steigenden Preisdrucks ­einen positiven Einfluss auf die Bautätigkeit», sagt Sprecherin Sabrina Dünnenberger. Es sei allerdings eine Verlangsamung der Dynamik zu erwarten. Zur Attraktivität von Immobilienanlagen sagt sie: «Zwar beobachten wir, dass die Renditen – auch aufgrund des Überangebots – unter Druck geraten sind. Da die Kapitalmarktzinsen noch immer auf tiefem Niveau sind sowie die Liquiditätshaltung durch Negativzinsen erschwert wird, ist die Nachfrage nach Immobilienanlagen weiterhin stabil.»

Verhandlungsposition der Mieter verbessert sich leicht

Generell erachtet Immobilienanalyst Robert Weinert den Thurgau als attraktiven Wohnkanton. Zu verdanken ist das vor allem der geografischen Lage. «Die Nähe zum Arbeitsplatzzentrum Zürich und die in den letzten Jahren verbesserte Erreichbarkeit spielen eine grosse Rolle.» Davon zeugt die Leerwohnungsziffer Frauenfelds: sie liegt bei 0,89 Prozent oder 109 Wohnungen. Hinzu komme, dass das Preisniveau tiefer sei als in Agglomerationsgemeinden Zürichs.

Die höchste Leerwohnungsziffer im Vergleich der grössten Thurgauer Gemeinden weist Romanshorn auf. Sie liegt bei 3,92 Prozent, was am Stichtag 226 leer stehenden Wohnungen entsprach. «Das ist zwar eine hohe Zahl, aber noch nicht dramatisch.» Dennoch sollten gemäss Weinert weitere zusätzliche Überbauungsprojekte besonders kritisch betrachtet werden.

Trotz mehr verfügbarer Wohnungen setzt Hugo Wehrli nicht zum Freudentanz an. Der Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverbandes Ostschweiz sagt: «Das sind statistische Zahlen, über die Qualität der Wohnungen sagen sie nichts aus.» Eine Entspannung auf dem Wohnungsmarkt kann er nicht feststellen. Grundsätzlich sei die Entwicklung aus Sicht der Mieter aber zu begrüssen: Sie hätten eine grössere Auswahl. Damit steige die Verhandlungsposition des Mieters, beispielsweise beim Preis. Dass Mieter geködert werden – mit Gratismonaten etwa – sei allenfalls im Hochpreissegment zu beobachten. Grund: Das Angebot ist grösser als die Nachfrage. Bei Wohnungen für 1000 Franken im Monat sei die Nachfrage immer noch grösser als das Angebot. Wehrli sagt: «Auch wenn man nicht gerade mit 200 Mitbewerbern wie in Zürich eine Wohnung besichtigen muss.»

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