«Die ganze Welt ist eine Bühne»

  • Der Tag der offenen Tür bietet einen vielfältigen Blick in das Durchgangsheim Arbon II.
    Der Tag der offenen Tür bietet einen vielfältigen Blick in das Durchgangsheim Arbon II.
19.06.2017 | 06:37

EINBLICKE ⋅ Anlässlich des nationalen Flüchtlingstages hat das Durchgangsheim Arbon II einen Tag der offenen Tür organisiert. Dieser gefiel auch kritischen Anwohnern: Bei Musik, Malerei, internationalem Essen und Theaterstücken lernten sie die Asylsuchenden kennen.

Nina Rudnicki

«Wie heisst du? Wie heisst deine Mutter? Wann hast du Geburtstag? Wer ist Adam? Wer ist Eva? Was ist der Mond?» Der Mann mit der dunklen Sonnenbrille schreit die Fragen in das Ohr eines eingeschüchterten, jungen Mannes. Dieser sitzt auf einem Stuhl, die Schultern hat er hochgezogen, den Blick auf den Boden gerichtet. Nach jeder Frage murmelt er: «Ich weiss es nicht.» Schliesslich sagt er: «Ich habe nur ein Wort: Freiheit!» Der Mann mit der Sonnenbrille lacht tyrannisch. Er packt den jungen Mann und schmeisst ihn zu Boden. «Das ist Freiheit!» Die Lichter auf der improvisierten Bühne im Schulzimmer des Durchgangsheims Arbon II an der Romanshornerstrasse gehen aus.

«Prüfung» ist einer von fünf Sketchen, welche die vier Jugendlichen Hassan Bhakti, Yohanes Robiel, Reza Zolfaghari und Kidane Gebrehan am Tag der offenen Tür im Durchgangsheim aufführen. Als unbegleitete minderjährige Asylsuchenden (UMA) leben sie nicht in Arbon, sondern in Uma-Häusern, wie etwa in Frauenfeld. Dort haben sie auch an den Sketchen gearbeitet. «Im Iran habe ich seit der zweiten Klasse Theater gespielt. Darum mache ich auch heute mit», sagt Reza Zolfaghari. «Ausserdem komme ich immer, wenn es irgendwo ein Fest gibt.»

Malerei, Musik und ein internationales Buffet

Als Fest ist der Tag der offenen Tür denn auch gestaltet. Bunte Ballone schmücken den Gartenhag, auf dem Sitzplatz sind Tische und Sonnenschirme aufgestellt. Im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss spielt der Syrer Juan Dawas auf dem Zupfinstrument Saz. Neben ihm malt der syrische Künstler Jango Mousa Bilder. Er hat in Russland Kunst studiert, danach als Kunstlehrer in Syrien gearbeitet. Seit drei Jahren ist er nun in der Schweiz. Über seine Webseite jangoart.ch bietet er Kunstkurse an. «Ich kann jedem Malen beibringen», sagt er.
 

Im Aufenthaltsraum ist ein grosses Buffet aufgebaut. Es gibt eritreisches Injera, also Fladenbrot mit verschiedenen Saucen, Momos aus Tibet, Nudelauflauf und syrischen Kuchen sowie das afghanische Reisgericht Kabuli und Salate. Die Speisen gekocht haben die Bewohnerinnen und Bewohner des Durchgangsheims. Beim Essen sollen alle miteinander ins Gespräch kommen: Die Bewohnerinnen und Bewohner, die Mitarbeitenden und die Bevölkerung. Rund 60 Personen sind gekommen. «Ich gehöre ja zu jenen, die gegen dieses Durchgangsheim waren», sagt eine Seniorin, die in der Nachbarschaft wohnt und sich zusammen mit einigen befreundeten Anwohnern das Haus anschaut. «Aber es gibt seit der Eröffnung keine Probleme. Es läuft alles tip top.»

Anfang Januar zogen die ersten Bewohner in das Durchgangsheim ein. Davor befand sich im Gebäude ein Alters- und Pflegeheim. Im vergangenen November hat es den Betrieb eingestellt. Das neue Durchgangszentrum bietet Platz für 50 Personen, aktuell sind aber nur 21 Plätze belegt. Es handelt sich um Familien, alleinstehende Männer und Frauen. «Viele der Frauen, die bei uns ankommen, sind schwanger. Oftmals wurden sie während der Flucht vergewaltigt», sagt Michael Goertz, Leiter des Durchgangsheims Arbon II, als er nach dem Mittagessen durch das Haus führt. Im Durchgangsheim sollen die Frauen zur Ruhe kommen, sich erholen und ausruhen können. Goertz zeigt die Zimmer mit je zwei Stockbetten, die Gemeinschaftsbäder, das Kleiderlager, den Waschraum, die Küche. Jeden Tag wird das zweigeschossige Haus von oben bis unten geputzt. Im Flur hängt ein Ämtliplan mit einer Liste wer, wann, was reinigen muss. Das Haus und seine Zimmer wirken riesig. Wenn man sich allerdings vorstellt, dass eine Familie mit zwei Kindern über längere Zeit in einem einzigen Zimmer mit zwei Stockbetten lebt, kommt ein beengendes Gefühl auf. Auch das Badezimmer auf dem Flur müssen sich die Bewohnerinnen und Bewohner teilen. Im Keller befinden sich die Arbeitsräume mit Arbeitskleider und -materialien – etwa für die Einsätze im Wald. Die Asylsuchenden räumen dabei Wälder auf und befreien sie von Neophyten. «Es ist mir wichtig, dass wir heute am Tag der offenen Tür auch zeigen können, wie viel unsere Bewohnerinnen und Bewohner für die Gemeinschaft machen und wie ihr Alltag hier aussieht», sagt Goertz.

«Wieso hast du Angst? Du bist in der Schweiz»

Der Nachmittag klingt langsam aus. Einige der Besucher sind bereits gegangen, andere wollen sich noch die zweite Theateraufführung anschauen. Die Sketche sind bedrückend und witzig zugleich. Beim Stück «Transfer» etwa telefoniert der Sohn mit seinem Vater in der Heimat: «Wie geht es dir, mein Sohn?» – «Nicht gut, ich habe Angst.» – «Wieso hast du Angst? Du bist in der Schweiz.» – «Ich habe gehört, ich komme in den Scheiss-Aargau.» – «Was heisst Scheisse, mein Sohn?» – «Ich weiss es nicht. Aber alle sagen zu mir: Du kommst in den Aargau? Das ist scheisse. Besser wäre Zürich.» Bei dieser Pointe können sich einige im Publikum vor Lachen kaum halten.

Nach der Aufführung sitzen die Jugendlichen an einem der Tische auf der Terrasse. Einer sagt: «Als ich hierher in die Schweiz gekommen bin, fand ich alles komisch. Jetzt finde ich es komisch, wie meine Heimat ist.» Dann wiederholt er gedankenversunken das Wort «Heimat» und sagt schliesslich: «Es ist vielleicht, wie es Shakespeare gesagt hat: Die ganze Welt ist eine Bühne.»

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