«Der stellt sich nur tot»

  • Der Prozess zum Fall Kümmertshausen geht noch weiter.
    Der Prozess zum Fall Kümmertshausen geht noch weiter. (Thi My Lien Nguyen)
12.09.2017 | 20:07

FALL KÜMMERTSHAUSEN ⋅ Das Bezirksgericht Kreuzlingen befragt zwei weitere Beschuldigte zum Tod des IV-Rentners von Kümmertshausen. Mehr Klarheit bringen ihre Aussagen aber nicht.

In der Nacht als der IV-Rentner stirbt, läuft im türkischen Cafe in St.Gallen ein Fussballspiel. Drei Männer machen sich auf nach Kümmertshausen. Es heisst, sie fahren zu einem Einbruch. Ein paar Stunden später sind sie zurück. Sehr bleich, sehr nervös: «Der Mann ist tot», sagen sie.
 

Die grosse Frage: Was haben die Männer gesucht?

So erinnert sich Osman S. an den 20. November 2010. Er ist einer der beiden Beschuldigten, die am Dienstag vom Bezirksgericht Kreuzlingen zum gewaltsamen Tod des IV-Rentners in Kümmertshausen befragt wurden. Mehr Klarheit darüber, was die Männer beim IV-Rentner gesucht haben, bringen ihre Aussagen nicht. Nur eine These scheint sich zu erhärten:   Der Tod des 53jährigen Alt-Hippies war nicht beabsichtigt  .  Dafür sprechen die hektischen Diskussionen auf der Autofahrt zurück nach St.Gallen. Der  stelle sich nur tot, sagt einer. «Wenn wir weg sind, steht der wieder auf.» Allerdings war der invalide Mann gefesselt und hatte einen Knebel im Mund. Nasar M., der Bandenboss, sei ausgerastet, nachdem er gehört habe, was passiert sei, schildert auch Osman S.

Deshalb seien er, Boss Nasar M., Yilmaz B., der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft, nochmals nach Kümmertshausen zum Haus des IV-Rentners gefahren. Ausgestiegen sind sie aber nicht, da sie dachten, die Polizei sei bereits im Haus. Yilmaz B. gehörte zu den drei Männern, der bei der Tötung des IV-Rentners dabei waren. Gemäss eigener Aussage habe er aber vergeblich versucht, die anderen beiden am Überfall auf den Mann zu verhindern.

Osman S. ist zurückhaltend mit seinen Aussagen. Er war der Erste, der verhaftet wurde, seit 70 Monaten sitzt er im Gefängnis. «Auch ich habe Kinder», sagte er vor Gericht. Und: «Ich will, dass endlich Gerechtigkeit herrscht.»

Als ungerecht empfinden viele Beschuldigte, dass die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage viel zu sehr auf die Aussagen von Yilmaz B. abgestellt hat.  Ihm gegenüber habe man Milde walten lassen, mit den anderen Beschuldigten sei man weniger zimperlich umgegangen.

Osman S. ist unter anderem der vorsätzlichen Tötung angeklagt. Für Yilmaz B. dagegen ist nur Gehilfenschaft zur vorsätzlichen Tötung beantragt, obwohl er dabei war, als der IV-Rentner zu Tode gequält wurde.

Vorsätzliche Tötung wird auch dem zweiten Beschuldigten vorgeworfen, der am Dienstag befragt wurde: Müslüm D., 53. Ein psychisch angeschlagener Mann, Vater von fünf Kindern, davon sind zwei behindert. Müslüm D. sagt nicht viel, nicht vor Gericht und auch nicht in den Pausen. «Das Gefängnis und dieser Vorfall hat meine Psyche kaputt gemacht.» Deshalb verweigert er meistens die Antworten auf die Fragen der Richter. Einmal bricht es aber aus ihm heraus: Yilmaz B. sei ein Mörder. Warum er da so sicher sei, will der Richter wissen. «Wegen dem, was ich in dieser Nacht gesehen habe und wegen der psychischen Belastung im Gefängnis.» Müslüm D. hat Yilmaz B. und die beiden anderen Türken zum Haus des IV-Rentners nach Kümmertshausen gefahren. Von der Tötung habe er nichts mitbekommen, er habe auch keine Schreie gehört. Ihm hätten sie erzählt, dass sie für 50 Franken Gras kaufen wollten. «Sie haben mich reingelegt.»

Der Prozess wird am Mittwoch in Kreuzlingen mit der Befragung des mutmasslichen Bandenbosses fortgesetzt. Ihm wirft die Anklage vor, er habe den Befehl gegeben, «das Problem in Kümmertshausen» zu lösen.
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