Eine Variante von Julia und Romeo

  • Szene im Postauto: Der wenige Platz wird voll ausgenutzt.
    Szene im Postauto: Der wenige Platz wird voll ausgenutzt. (Bild: Reto Martin)
12.09.2017 | 05:18

AMRISWIL ⋅ Kurz vor der Premiere erfolgt der Feinschliff von «Verschwindibus». Das fahrende Kleintheater stösst auf grosses Interesse, die ersten Vorstellungen sind ausverkauft.

Rita Kohn

Rita Kohn

rita.kohn@thurgauerzeitung.ch

Alles beginnt mit einem Holpern. Das eben anfahrende Postauto stoppt, die Passagiere werden von den Sicherheitsgurten in den Sitzen gehalten. Nur die ältere Frau springt auf: «Haben Sie das gesehen?» ruft sie aufgebracht. Überfahren hätten sie sie. Der Chauffeur stürzt ins Freie, Andreas Müller, der eben die Gäste im Postauto begrüssen wollte, blickt ihm irritiert nach. Da sei nichts, sagt der Chauffeur kurze Zeit später und setzt sich wieder hinter das Steuer, um den Motor erneut zu starten.

Noch bevor die Türen mit einem leisen «Pffft» geschlossen sind, springt der Chauffeur namens Pepe erneut auf. «Es tut mir leid», sagt er, richtet aber den Blick nach draussen. Dort steht eine betagte Amriswilerin, aufgeregt, weil die Türen des Postautos nicht offen sind. «Sie können hier nicht einsteigen», sagt der Chauffeur freundlich. «Wir sind ein Theater-Bus.»

Die Kinder sind die Publikumslieblinge

Theater im Bus: Die beiden geistigen Väter Andreas Müller und Florian Rexer waren sich dessen bewusst, dass es eine Herausforderung sein würde. Eine, die vom Ensemble jedoch gemeistert wird. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn da spielen nicht nur versierte Schauspieler mit der entsprechenden Ausbildung, mit von der Partie sind auch Kinder. Bei dieser Probe sind Sophia Müller und Mailo Rodriguez in den Rollen der kleinen Martha und des kleinen Carlo zu erleben. Sie sind die unbestrittenen Stars der Szene an der Freie­strasse. Mailo spielt den kleinen Italiener-Buben so überzeugend, dass ihm die Herzen sofort zufliegen, als er das Postauto betritt: «Ciao, sono Carlo, ciao ciao ciao . . .».

Regisseur Florian Rexer muss nur wenig korrigieren, da und dort an einer Szene etwas feilen. Alle sind aufmerksam bei den Proben dabei, setzen sofort um, was der Regisseur anregt. Auf ein kleines Zeichen von Doris Haudenschild, die die Ziehmutter der Hauptfigur Martha Buschor spielt, fällt Sophia hin und reibt sich das Knie. Ihre Gesten und ihr schmerzverzerrtes Gesicht wirken so echt, dass die Zuschauer versucht sind, aus dem Postauto zu stürzen, um der 9-Jährigen zu helfen. Der Abschied von den beiden aufgeweckten Kindern fällt schwer, auch wenn die Profis Hanneke Alefsen und Falk Döhler als erwachsene Martha und Carlo eine überzeugende Figur machen.

Es braucht kreative Einfälle

Wie können Martha und Carlo ihre Verzweiflung darstellen? Wohin geht der Blick des Publikums, und für welche Probleme müssen noch kreative Lösungen gefunden werden? Die erste Probe im Postauto bringt ein paar wenige Schwachstellen an den Tag, die aber dank den Vorschlägen der ganzen Truppe alle gelöst werden können. Der Fahrer nimmt das Hin und Her, das mit den Proben verbunden ist, gelassen. Geduldig öffnet und schliesst er die Türen, ruckelt mit dem Postauto und zirkelt es in den Hinterhof, in dem eine der Szenen spielen soll.

Jetzt, da es auf die Premiere zugeht, sind alle gespannt. Darauf, wie sich das Stück in einem vollbesetzten Postauto umsetzen lässt, aber auch darauf, wie die Idee selber beim Publikum ankommen wird. «Wir sind uns bewusst, dass wir mit diesem fahrenden Kleintheater etwas anbieten, das für das Publikum neu ist», sagt Florian Rexer, während die Ensemble-Mitglieder amüsiert die Augen verdrehen. Sie sind sich gewohnt, dass ihr Regisseur umsetzt, was bei anderen im Status einer Idee stecken bliebe.

Zwei Vorstellungen werden am Samstag in Amriswil geboten. Dann in einem vollbesetzen Postauto.

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