FEHLENDE WICKELTISCHE

In St.Gallen bleiben die Windeln nass

Wickeln nur auf Damen-WCs - damit ist in New York ab sofort Schluss. Ein Rundgang durch St.Gallen zeigt: Schweizer Papis werden nicht diskriminiert. Die Suche nach Wickeltischen ist für beide Elternteile schwer.
14.01.2018 | 09:03

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Kaspar Enz

Er ist ein wahrer progressiver Held, dieser Bill de Blasio. Ein Kämpfer gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Einer, der weiss, wo es mit der Gleichberechtigung noch hapert. Nein, es geht nicht um #MeToo, es geht um die Diskriminierung von Männern. Von allen Männern? Nein (#NotAllMen), es geht um den neuen Mann, der gerne mit Vollbart, Café Latte und Kinderwagen durch die Stadt schlendert, auf der verzweifelten Suche nach einem Wickeltisch. Männer wie der New Yorker Bürgermeister de Blasio eben: «Als Vater weiss ich, wie frustrierend es ist, Windel-Notfälle zu beheben, ohne einen nahen Wickeltisch», sagte er vorgestern, als er das neue Gesetz unterschrieb, nach dem in New York alle neu gebauten Toiletten über Wickeltische verfügen sollen. Und zwar für beide Elternteile! Denn scheinbar sind die Wickeltische in der Ostküstenmetropole allzu oft nur auf den Frauen-WCs zu finden.

Eine Ungerechtigkeit sondergleichen. Grund genug, die Situation in der Schweiz in Augenschein zu nehmen. Viel Hoffnung braucht sich der Schweizer Papi nicht zu machen: Schliesslich musste er auch nur wenige Stunden nach Geburt seines Hosenscheissers wieder in den Stollen!
 

Gleichberechtigt nasse Windeln

Ein Gang durch die St.Galler Innenstadt spendet Trost: Ein Wickeltisch fehlt zwar auf den Männertoiletten der allermeisten Cafés und Restaurants, aber das scheint meist auch für das Frauen-WC zu gelten. Immerhin, sagt sich der neue Mann: Die Windel bleibt zwar nass, aber wenigstens werde ich nicht diskriminiert!

Vielleicht sind die engen Gassen der Altstadt schlicht der falsche Ort für einen Ausflug mit Kind. Kein Wunder, schliesslich sind die Pfüderi auch schlechte Kunden für die Wirte. Sie trinken keinen Wein, und ihre Eltern sind seit ihrer Geburt nirgends mehr Stammgast. Wer mit Kind unterwegs ist, sollte eben woanders hin. In die Shopping Arena beispielsweise. Hier kann man nicht nur alles einkaufen. Falls das Kind zu quengeln beginnt, verspricht Ikea Spielgerät und kindertaugliche Menus. Und siehe da: Zwischen Männer- und Frauen-WC steht ein Wickelraum beiden Elternteilen zur Verfügung. Wer Einkaufszentren plant, denkt scheinbar an Eltern: Von den WC-Anlagen im Manor hört man bereits von weitem ein Kind reklamieren, wohl weil es frisch gewickelt wird. Allerdings ist der «Koala Kare»-Klapp-Wickeltisch auf der Herrentoilette nicht besetzt. Der Protest kommt aus dem Damen-WC.

Grosszügig eingerichtet ist die WC-Anlage im vor wenigen Jahren frisch sanierten Neumarkt. Ein grosser Klappwickeltisch, daneben genug Ablage­fläche und sogar ein Lavabo für frisches Wasser: Hier wickelt Papi gerne! Ausserdem ist das WC strategisch gut gelegen – gleich neben dem Müller-Drogeriemarkt. Hier gibt es sehr weiche und doch reissfeste Pflegetüchlein zu erstehen!

Im nahen Globus mit Delikatess- und Haushaltswarenabteilung hat man sich für eine Unisex-Toilette mit Klappwickeltisch entschieden. Allerdings ist diese nicht nur sehr eng. Sie steht auch noch für Kinderwagen unerreichbar im Zwischengeschoss. Also ziemlich unpraktisch, aber immerhin: gleichberechtigt unpraktisch.

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