Die neuen Italiener

  • Stefano Rinaldi und Giuseppe Fedele arbeiten in Abtwil und St. Gallen als Köche.
    Stefano Rinaldi und Giuseppe Fedele arbeiten in Abtwil und St. Gallen als Köche. (Bild: Jil Lohse)
18.06.2017 | 12:04

ITALIENER IN DER SCHWEIZ ⋅ Sie sind jung, gebildet und streben nach beruflichem Erfolg. Eine neue Generation von Italienern zieht es in die Ostschweiz. Sie fliehen vor schlechten Karriereaussichten und sehen ihre Zukunft im Ausland.

Michael Genova

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch

Der Job in St. Gallen ist Giuseppe Fedele fast schon zugeflogen. Im vergangenen September kam er in die Schweiz, und bereits im November hatte er einen Arbeitsvertrag in der Tasche. Das wäre in seinem Heimatstädtchen Calascibetta im Herzen Siziliens undenkbar gewesen. «Dort gibt es keine Arbeit, dort gibt es nichts», sagt Fedele. Seit einem knappen Jahr arbeitet der 26-Jährige nun als Koch in einem St. Galler Restaurant. Heimweh verspürt er bisher nicht: «Ich fühle mich wohl hier.»

Fedele ist nicht alleine. Seit rund zehn Jahren entsteht in der Schweiz eine neue Generation italienischer Einwanderer. Ende 2016 lebten hierzulande fast 319000 italienische Staatsangehörige – rund 5000 Personen mehr als im Vorjahr. Keine Ausländergruppe wächst zurzeit stärker, wie Zahlen des Staatssekretariats für Migration zeigen (siehe Grafik). Im vergangenen Jahr bildeten die Italienerinnen und Italiener in der Schweiz die grösste ausländische Gemeinschaft – noch vor den Deutschen und den Portugiesen.

Die Sicherheit hier, das Herz in Italien

In St. Gallen traf Giuseppe Fedele auf Stefano Rinaldi, einen alten Bekannten. Die beiden kennen sich seit 2010, als Fedele zum ersten Mal in der Ostschweiz arbeitete. Weil sein Vater unerwartet starb, kehrte er schon bald wieder nach Sizilien zurück. Rinaldi blieb und arbeitet nach mehreren Stationen heute als Koch in einem italienischen Restaurant in Abtwil. Im Gegensatz zu seinem Kollegen trieb Rinaldi nicht die Arbeitslosigkeit ins Ausland. Er ging «per un’avventura» – aus Abenteuerlust.

Stefano Rinaldi wuchs in San Giovanni Rotondo auf, in der appulischen Heimatstadt des Volksheiligen Padre Pio. Der heute 29-Jährige hatte damals eine Stelle, einen breiten Freundeskreis – doch er wollte die Welt entdecken. Seine Mutter riet ihm davon ab. Der Anfang in der Schweiz sei schwierig gewesen, doch heute sagt er nüchtern: «Ich habe hier ein besseres System gefunden.» Einen sicheren Arbeitsplatz, geregelte Arbeitszeiten, eine gute Altersvorsorge. Und fast ein wenig erstaunt stellt Rinaldi fest, dass er sich eine Rückkehr eigentlich nicht mehr vorstellen könne. Auch wenn sein Herz natürlich immer für Italien schlagen werde.

«Die grosse Flucht der Jungen»

Im vergangenen Jahr verliessen rund 115000 Italienerinnen und Italiener ihr Land. Davon sind rund 40 Prozent junge Menschen zwischen 18 und 34 Jahren. Die italienische Tageszeitung «La Repubblica» schrieb deshalb von der «grossen Flucht der Jungen». Doch laut einer aktuellen Studie sehen diese jungen Auswanderer ihren Weggang weniger als Flucht, denn als bewusste Wahl. Sie wollen ihre Neugier stillen, erhoffen sich neue Herausforderungen oder ganz banal – bessere Arbeitsbedingungen.

So wie Giuseppe Fedele. Er erzählt, wie sich viele Junge auf Sizilien von Job zu Job hangeln. Nach Abzug der Fahrkosten bleibe von den üblichen 800 bis 900 Euro Monatslohn meist nicht viel übrig. «Davon kannst du nicht leben», sagt Fedele. Dazu kämen Arbeitstage von 14 bis 15 Stunden. Bevor er in die Schweiz zog, arbeitete Fedele eine Zeit lang als Koch in London. Dort verdiente er zwar besser, doch das Leben war ihm auf die Dauer zu stressig. Die Schweiz bezeichnet er als «guten Mittelweg». Oder wie es sein Landsmann Stefano Rinaldi ausdrückt: «Wir führen hier ein ruhiges Leben.»

Die Schweiz ist eines der beliebtesten Ziele für italienische Auswanderer. Das merkt auch Fedeles Arbeitgeber Franco Ventrici, der in St. Gallen das Restaurant Terronia führt. An gewissen Tagen erhalte er drei bis vier Anfragen, sagt er. Manchmal bringen die Arbeitssuchenden ihren Lebenslauf sogar persönlich vorbei. Immer mehr Besuche von Neuankömmlingen erhält auch Rolando Ferrarese, der Leiter des italienischen Kulturzentrums in St. Gallen. Seit vergangenem Herbst habe die Zahl deutlich zugenommen, sagt er. Alleine seit Jahresbeginn hätten sich 20 bis 30 Auswanderer bei ihm gemeldet. Meist bitten sie um Hilfe bei administrativen Fragen oder sprachlichen Schwierigkeiten.

Ein Ratgeber für Neuankömmlinge

Deshalb hat nun das Comites St. Gallen reagiert, die Organisation, welche in der Ostschweiz die Interessen der Auslanditaliener vertritt. Kürzlich hat das Komitee einen Ratgeber für die Einwanderer veröffentlicht. «Er ist als Starthilfe für Neuankömmlinge gedacht», sagt Pressesprecher Paolo De Simeis. Im Ratgeber finden sich praktische Informationen, etwa zum Schweizer Gesundheitssystem oder zur Altersvorsorge. Aber auch in die historischen Ursprünge der Ostschweizer Kantone werden die Einwanderer eingeführt. Aufgelistet sind zudem Adressen italienischer Vereine, Kirchgemeinden und Schulen in der Ostschweiz. Die Idee für die Broschüre entstand nach Gesprächen mit mehreren Gemeinden und Städten. «Wir haben gemerkt, dass ein Bedürfnis besteht», sagt De Simeis. Denn viele der neuen Italiener sprechen zwar Englisch, aber kaum Deutsch. Vor allem in Verwaltungen kleinerer Gemeinden sprechen nicht alle Mitarbeiter fliessend Englisch.

Die Sprache war schon für die italienischen Gastarbeiter eine grosse Hürde, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz kamen. Doch sonst unterscheiden sich die neuen Italiener deutlich von den damaligen Saisonniers. Früher seien vor allem ungebildete Hilfskräfte gekommen, heute habe die Mehrheit eine abgeschlossene Fachausbildung oder ein Studium, sagt Paolo De Simeis. Das zeigen auch aktuelle Zahlen des Staatssekretariats für Migration. Von den Italienern, die im vergangenen Jahr einwanderten, arbeitet ein Drittel im Handel und Gastgewerbe, ein weiteres Drittel für Banken und Versicherungen. Auf dem Bau war 2016 gerade noch einer von zehn Neuankömmlingen beschäftigt.

Argwohn der alten Garde

Und noch etwas ist anders als früher: Die neuen Italiener kommen, um sich etwas aufzubauen. «Der Gedanke an die Rückkehr steht nicht mehr zuvorderst», sagt De Simeis. Die früheren Gastarbeiter ­dagegen waren jahrelang auf dem Sprung. Weil sie für ein besseres Leben in ihrer Heimat sparten. Aber auch weil die Schweiz die Aufenthaltsbewilligungen der Saisonniers lange Zeit beschränkte.

Giuseppe Fedele und Giuseppe Rinaldi fühlen sich in ihrer neuen Heimat willkommen. «Die Schweizer erklären dir, wie die Dinge funktionieren», sagt Rinaldi. Manchmal spüre er jedoch den Argwohn der Italiener, die schon lange in der Schweiz leben. Warum dies so sei, wisse er nicht. Er sagt nur: «Neid ist eine schlechte Sache, wir Italiener sollten die Einheit suchen.» Auch deshalb engagiere er sich bei den «Aquiloni», der Jugendgruppe des Comites.

Halt und Verständnis findet Rinaldi bei den anderen Neuankömmlingen. Mit Giuseppe Fedele und einem dritten Italiener bildet er eine Wohngemeinschaft. Die gemeinsame Erfahrung des Neuanfangs verbindet sie. Hinter ihnen liegt Italien, vor ihnen die Schweiz. Stefano Rinaldi spricht von einer «seconda nascita» – einer zweiten Geburt.

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