Dem Tod von der Schippe gesprungen

  • Im Herbst 2015 beschloss Rosie Hörler, ihr damaliges Ich als Erinnerung festzuhalten.
    Im Herbst 2015 beschloss Rosie Hörler, ihr damaliges Ich als Erinnerung festzuhalten. (Bild: Philipp Knöpfel/PD)
18.06.2017 | 09:19

LEUKÄMIE ⋅ Die vergangenen zwei Jahre glich ihr Leben einer Achterbahnfahrt. Jetzt ist Rosie Hörler fast wieder gesund. Die junge FM1-Radiomoderatorin verarbeitet ihre Krankheit und den Kampf dagegen in einem berührenden Blog.

Text: Julia Nehmiz Bilder: Hanspeter Schiess

Text: Julia Nehmiz Bilder: Hanspeter Schiess

Draussen schüttet es in Strömen, ein Wolkenbruch verwandelt die St. Galler Strassen in Bäche. Als wolle der Sommertag einem sagen, tja, schön und gut, aber es ist eben nicht alles eitel Sonnenschein im Leben.

Rosie Hörler hat das am eigenen Leib erfahren. Vor zwei Jahren erhielt die 30-Jährige die Diagnose «akute lymphatische Leukämie». Jetzt steht sie in ihrer gemütlichen Altbauwohnung, kocht Kaffee und erzählt von der Achterbahnfahrt, die ihr Leben seitdem nahm. Von einem Tag auf den anderen hatte es der jungen Frau den Boden unter den Füssen weggezogen. Von jung, gesund, mitten im Leben und voller Tatendrang zu todkrank.

Direkt nach der Diagnose, noch im Spital, begann Rosie Hörler einen Blog zu schreiben. Berührend offen, schonungslos schmerzvoll erzählt sie auf ihrer Homepage «rosieagainstleu­kemia», wie es ihr ergeht, was sie bewegt. Das ist ergreifend, aber manchmal fühlt man sich wie ein Voyeur, der Blog ist öffentlich, jeder kann lesen, wie Rosie Hörler sich fühlte nach der Chemotherapie. Warum diese Öffentlichkeit? Zuerst aus einem ganz profanen Grund: Als sie im Spital lag, erhielt sie gefühlt 1000 SMS. «Ich hätte alles zigmal erklären müssen, da hab ich den Blog begonnen, und das wurde irgendwie ein Selbstläufer.»

Jetzt rührt sie in ihrer Kaffeetasse und strahlt einen an: «Es geht mir gut, erstaunlich gut.» Hörler, Moderatorin bei Radio FM1, steht sogar wieder am Mikrofon, «meine Leidenschaft». Ihr Arbeitspensum beträgt bereits 40 Prozent. Dabei wurden ihr vor zwei Monaten neue Stammzellen transplantiert. «Ich hätte nicht gedacht, dass ich 50 Tage nach der Transplantation schon so fit bin.» Klar störten die Nebenwirkungen der Medikamente, die sie noch nehmen muss. Das neue Immunsystem, das sie bekommen hat, würde sonst ihren Körper abstossen. Aber der Juckreiz, den die Medikamente auslösen, der sei gut zu handhaben.

Mit schwarzem Humor und derben Scherzen

Bedenken, ob man fragen dürfe, wie es ihr geht, wischt sie beiseite. «Ich hadere nicht mehr so krass mit dem Ganzen wie noch 2015.» Damals habe sie sich gefragt: «Warum ich?» Jetzt finde sie, die Krankheit sei ein Teil von ihr. «Sie gehört zu mir und meiner Geschichte.»

Geholfen, das alles zu überstehen, habe ihr auch der «sehr schwarze Humor». Witze, derbe Scherze über ihre Krankheit, das Spital, ihren Zustand. «Manchmal, wenn mein Freund und ich wieder Sprüche und üble Witze rissen, haben sich die Pfleger verwundert gefragt, echt, meinen die das ernst?» Nein, meinten sie natürlich nicht. Aber der Humor half, dass die Krankheit nicht überhandnahm, nicht zur alles beherrschenden Macht wurde. Zeigte, dass es eben auch noch mehr gibt als nur Leukämie und Spital und Therapien. Auch wenn diese zeitweise Rosie Hörlers Leben beherrschten.

Während der ersten Chemotherapie bekam Hörler eine Blutvergiftung, kurzzeitig musste sie auf die Intensivstation verlegt werden. Sie sei dem Tod von der Schippe gesprungen. Ihrem Freund habe sie im Delirium wohl gesagt, sie wolle nun nicht mehr, es solle bitte enden. Erinnern kann sie sich nicht. Fabian, ihr Freund, hat es ihr später erzählt.

Die beiden sind immer noch zusammen, jetzt vielleicht mehr denn je. «Die Krankheit hat uns noch mehr zusammengeschweisst.» Vor einem Jahr sind sie in eine gemeinsame Wohnung gezogen. Und so langsam zieht wieder der Alltag ein, Schritt für Schritt. Noch muss Hörler grosse Menschenansammlungen meiden, darf nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, keine rohen Speisen essen. Und muss zweimal pro Woche ins Unispital nach Zürich zur Kontrolle fahren. Diese Vorsichtsmassnahmen muss sie 100 Tage nach der Transplantation einhalten. Zwei Drittel hat sie schon geschafft. Trotzdem: «Ein paar Festivals müssen sein», sagt Rosie Hörler in ihrem weichen Appenzeller Dialekt. «Ans Clanx-Festival will ich unbedingt.» Bis dahin will sie fit sein. Und sie ist auf gutem Weg.

Geheilt , und dann der Rückschlag

Grosse Pläne für die Zukunft hegt sie im Moment keine. «Einfach ein normales, cooles Leben führen», das sei, wovon sie träume. Sich mit ihren Freunden treffen, an Festivals und Konzerte und ins Fussballstadion gehen, bei FM1 am Mikrofon stehen und Radio machen, wandern gehen im Alpstein, im Winter Snowboarden, ein bisschen Ferien machen. «Was in zehn Jahren sein könnte, da habe ich keine Ahnung», sagt sie. «Man muss halt umgehen mit dem, was das Leben einem so bringt.» Mit Selbstmitleid ziehe man sich nur runter.

Da sitzt diese junge Frau, die Chemo-Glatze unter der blonden Perücke verborgen, und strotzt nur so vor Lebenslust und Zuversicht. Na klar, sagt sie, sie habe ein tolles Umfeld, eine tolle Familie. «Uns in der Schweiz geht’s so gut, wir haben keinen Grund zu jammern.»

Man denkt, doch, wenn jemand Grund zu jammern hätte, dann sie? Seit zwei Jahren hält die Leukämie sie fest umklammert, aber Rosie Hörler wehrt sich mit aller Kraft dagegen. Und ist jetzt wohl – endlich – erfolgreich.

Das dachte sie schon einmal. Im Frühling 2016 war die Chemotherapie abgeschlossen, es ging ihr so gut, dass sie kleinere Reisen unternehmen konnte. Im Dezember hiess es, keine Krebszellen seien mehr im Blut und im Knochenmark nachweisbar. Kurz darauf dann der Rückschlag: Leukämiezellen im Nervenwasser, deswegen ein entzündeter Sehnerv. Schnell ist klar, nach einigen Chemobehandlungen kommt Rosie Hörler nicht um eine Stammzellentransplantation herum. Sie braucht ein neues Immunsystem. «Es gibt also einen Weg, einen steinigen, aber es gibt einen Weg», schreibt sie auf ihrem Blog. Und sie hat Glück: Ein passender Spender ist rasch gefunden.

Jetzt muss sie diese 100 kritischen Tage nach der Transplantation abwarten, ob ihr neues Immunsystem mit ihrem Körper klarkommt. Bislang geht alles gut.

«Es ist so einfach und kann so viel helfen»

Auch diese Schritte verarbeitet sie auf ihrem Blog, der eine wachsende Fangemeinde findet. Hörler erhält Rückmeldungen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. Böse Kommentare von Internettrollen oder gar einen Shitstorm gab es nie. Im Gegenteil, es haben sich neue Kontakte ergeben. «Anfangs dachte ich noch, die Kommentarfunktion des Blogs brauche ich nicht.» Doch sie freut sich über Mails und Kommentare, das sei ein schönes Feedback. «Ich habe das Gefühl, vielen Leuten helfen zu können, ihnen eine andere Sicht auf das Leben zu zeigen.» Zurzeit schreiben sie und ein junger Mann aus Norddeutschland sich regelmässig, der junge Deutsche ist an Leukämie erkrankt, im Internet stiess er auf Rosie Hörlers Blog und kontaktierte sie. «Das eine ist, dass ich mich mit anderen Betroffenen austauschen kann.»

Das andere, was ihr fast noch wichtiger ist: Aufklären. Über Blutkrebs, über die Behandlungsmöglichkeiten, über Stammzellentransplantation. Und neue Spender finden. «Es ist so einfach, sich beim Schweizerischen Roten Kreuz als Stammzellenspender registrieren zu lassen.» Eine Speichelprobe genügt. Wird man tatsächlich einmal als möglicher Spender auserkoren, werde man noch einmal gefragt, ob man das wirklich wolle. Beim Spender wird dann mittels Medikamenten die Produktion von Stammzellen angeregt. Dann werden die Stammzellen dem Blut entnommen, ähnlich wie beim Blutspenden. «Es ist so einfach und kann so viel helfen.»

Wenn sie die heiklen 100 Tage überstanden hat, will sie feiern. Der Krebs könnte zurückkommen, das weiss sie. Aber Rosie Hörler blickt zuversichtlich auf das, was das Leben für sie bereithält.

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