Mit dem Tempo kommt der Kick

  • Die Strasse von Gossau Richtung Niederwil gilt wegen der langen Geraden als Raserstrecke.
    Die Strasse von Gossau Richtung Niederwil gilt wegen der langen Geraden als Raserstrecke. (Bild: Ralph Ribi)
19.06.2017 | 06:39

OSTSCHWEIZ ⋅ Bei Verkehrskontrollen misst die Polizei regelmässig überhöhte Geschwindigkeiten. Trotz des harten Gesetzes müsse die Prävention verstärkt werden, sagt ein Experte.

Gleich zweimal sind der Kantonspolizei Thurgau diese Woche Raser ins Netz gegangen. Bei einer Geschwindigkeitskontrolle am Sonntag war ein 46-jähriger Autofahrer mit 159 Kilometern pro Stunde auf einer 80er-Strecke unterwegs. Am Montag hat eine Patrouille einen 38-jährigen Motorradfahrer innerorts mit 109 Stundenkilometern gemessen. Die Fahrzeuge der beiden Männer wurden beschlagnahmt, die Führerausweise eingezogen. Erst vor zwei Wochen hat die Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden einen 60-jährigen Schnellfahrer ausserorts mit 144 Kilometern pro Stunde erwischt. Ihm blüht dasselbe Prozedere wie den beiden Rasern im Thurgau.

«Grundsätzlich sind es jedoch vor allem junge Männer, die Tempolimiten massiv missachten», sagt Rolf Jud. Der Verkehrstherapeut beobachtet eine leichte Zunahme an Raserdelikten. In seiner St. Galler Praxis arbeitet er mit Menschen, die aus verschiedenen Gründen zur Therapie kommen. «Diesen Leuten fehlt oft die Selbstkontrolle.»

Selbstdarstellung und Geltungsdrang sind Motive

Seit 15 Jahren arbeitet Jud als Verkehrstherapeut. Er würde es begrüssen, wenn bereits die obligatorischen Kurse zur Fahrprüfung vermehrt auf Prävention setzten. Die Motive der Raser reichen von der Selbstdarstellung über Geltungsdrang bis zur Lust an der Beschleunigung. «Dazu kommt, dass sie mit Autos unterwegs sind, die massiv übermotorisiert sind», sagt Jud.

Es stimme, dass tendenziell mehr leistungsfähige Fahrzeuge in den Kontrollen aufgegriffen werden, sagt Hanspeter Saxer von der Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden. Raserfälle gebe es nur vereinzelt. So auch in Appenzell Innerrhoden, wo es sich gemäss Kantonspolizei um absolute Ausnahmen handelt. Anders im Kanton St. Gallen, wo die Polizei im vergangenen Jahr 35 Fälle verzeichnet hat.

Rolf Jud bezweifelt die nachhaltige Wirkung von Schockbildern zur Abschreckung. Vielmehr will er bei den Betroffenen ein Bewusstsein für die Thematik Geschwindigkeit entwickeln. Etwa, indem er aufzeigt, dass sie mit 100 Kilometern pro Stunde nicht einmal auf 40 Meter Distanz abbremsen könnten. «Das stimmt sie nachdenklich und bleibt besser im Gedächtnis haften als ein schreckliches Bild.» Auch die Härte des Gesetzes schrecke ab, dennoch werde der Entzug des Führerausweises als härter empfunden als die oft hohen Bussen oder Haftstrafen.

Viele Raser lebten zudem auf der Strasse jene Persönlichkeitszüge aus, die in anderen Bereichen des Lebens zu kurz kommen, sagt Jud. Die Therapie sei deshalb eine spezielle Form von Psychotherapie. Oft stelle sich heraus, dass der Adrenalinkick der Auslöser zum Rasen ist. «Diese Lust muss durch legale Alternativen gestillt werden, die andere Personen nicht gefährden.»

 

Simon Roth

simon.roth@tagblatt.ch

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