Hebammen kämpfen gegen das Aussterben

  • Die 45-jährige Andrea Weber setzt sich als Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbands und als Präsidentin des Vereins Thurgauer Hebammen für ihren Berufsstand ein.
    Die 45-jährige Andrea Weber setzt sich als Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbands und als Präsidentin des Vereins Thurgauer Hebammen für ihren Berufsstand ein. (Donato Caspari)
18.06.2017 | 18:03

BERUFSPOLITIK ⋅ Die Thurgauerin Andrea Weber will etwas verändern: Freiberufliche Geburtshelferinnen und ihre Leistungen sollen wieder mehr Anerkennung erhalten. Sie hat bereits erreicht, dass Studenten im Kanton für ihr Praktikum bezahlt werden.

Larissa Flammer
Die Kreuzlingerin Andrea Weber ist die zweithöchste Hebamme der Schweiz. Als solche setzt sie sich für ihren Berufsstand ein: «Wir fordern auf nette Art unsere Gebiete zurück.» Damit meint sie die Betreuung der gesunden Schwangeren und Gebärenden ohne Risiko. Weber erklärt, dass heute 70 Prozent der Schwangeren von Ärzten als Risikofall eingestuft werden. «Das ist völlig übertrieben.» Für die 45-Jährige muss sich die Zukunft an der Vergangenheit orientieren: Eine Hebamme betreut die Frau vor, während und nach der Geburt alleine oder mit dem zuständigen Gynäkologen zusammen. «Diese zwei Berufsgruppen sollten sich auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam für Mutter und Kind da sein.» Ärzte werden nur bei Bedarf beigezogen. 

Der Unterschied zur Vergangenheit: Die Geburtshilfe findet im Spital statt. Im Aargau wurden vor kurzem auf dem Gelände des Kantonsspitals zwei Zimmer dafür eingerichtet. Dort ist die Hebamme alleine, ein Arzt aber ganz in der Nähe. «Damit können Kosten gespart werden, die Frau wird wieder mehr ins Zentrum gerückt, und die Kaiserschnittrate kann gesenkt werden.» Zudem könne eine angestellte Hebamme so wieder alle ihre Kompetenzen anwenden. Im Thurgau sei diese Art der hebammengeleiteten Geburtshilfe noch nicht angedacht. «Ich hoffe aber sehr, dass die ursprüngliche Hebammengeburtshilfe im Spitalsetting auch in den Ostschweizer Spitälern Einzug halten wird.»
 

15 Rappen pro Einwohner für den Hebammenverein

Seit diesem Jahr ist Andrea Weber die Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbands und die Präsidentin des Vereins Thurgauer Hebammen.  «Wir sind im Thurgau fünf Jahre lang einen schwierigen Weg gegangen, sind jetzt aber zu einem sehr guten Ergebnis gekommen»: Eine kantonale Leistungsvereinbarung legt heute fest, dass alle Thurgauer Gemeinden 15 Rappen pro Einwohner an den Verein Thurgauer Hebammen zahlen müssen. Die Spital Thurgau AG übernimmt die Hälfte der Kosten. Mit diesem Geld unterhält der Verein eine Vermittlungshotline, die auch das Spital nutzen kann. So kann die lückenlose Übergabe vom Spital zur Hebamme und später zur Mütter-Väter-Beratung einfach gewährleistet werden. «Die durch die Verordnung erzwungene Zusammenarbeit zwischen den Parteien hat viel Gutes hervorgebracht.» 

Das wichtigste Anliegen des kantonalen Vereins ist es, die Stellung der freiberuflichen Hebamme zu stärken. «Wir wollen als Teil der Grundversorgung wahrgenommen werden. Dazu müssen die Politik und die Krankenkassen uns unterstützen.» Mit der Thurgauer Politik ist Andrea Weber sehr zufrieden. Sie und ihre Berufskolleginnen haben erreicht, dass Studenten für ihr Praktikum bei einer freiberuflichen Hebamme entlohnt werden – genauso wie die betreuende Hebamme. «Das gibt es bis jetzt nur in Bern und im Thurgau.»

Dass das Praktikum bei einer freiberuflichen Hebamme lange unbezahlt war, ist gemäss Weber ein Grund für den Nachwuchsmangel im Thurgau. «Vor allem in ländlichen Regionen haben wir viel zu wenig freiberufliche Hebammen.» Die Nachwuchsförderung ist der Kreuzlingerin sehr wichtig. Junge Frauen, die Hebamme werden wollen, gebe es genug. Die beiden Fachhochschulen in der Deutschschweiz – die ZHW in Winterthur und die BFH in Bern – könnten den Interessierten sogar zu wenig Plätze anbieten, da es nicht genug Ausbildungsplätze in den Spitälern gebe. «Die Angst, dass die Maturapflicht zu einem Hebammenmangel führt, hat sich nicht bestätigt.» 
 

Männliche Geburtshelfer gibt es in der Deutschschweiz keine

Die Arbeit als freiberufliche Hebamme sei nicht nur attraktiv. Stehe der Geburtstermin einer Klientin bevor, sei sie dauernd auf Pikett, die Arbeitszeiten seien nicht klar abgegrenzt und der Anteil an Gratisarbeit hoch. «Es laufen Verhandlungen mit den Krankenkassen über eine bessere Vergütung.» Obwohl der administrative Aufwand hoch sei, schwärmt Weber: «Ich finde den Beruf sehr befriedigend, man kann viel bewirken.» Indem eine Hebamme eine Frau über Wochen begleite, ihr die Angst nehme und eine Vertrauensperson sei, werde sie für eine gewisse Zeit ein Teil der Familie. «Das ist wirklich wunderschön. Man erkennt sich, wenn man sich nach Jahren auf der Strasse über den Weg läuft.»

Gemäss Andrea Weber sind die Bedingungen für junge freiberufliche Hebammen zurzeit so gut wie nie zuvor. «Das, was die älteren aufgebaut haben, kann man jetzt nutzen.» Das Netzwerk im Thurgau biete jungen Kolleginnen ein Coaching, das durch den «Reglemente-Dschungel» helfe. «Wir brauchen junge Hebammen, die mit einem hohen Pensum arbeiten.» Viele junge Frauen würden aber nur Teilzeit freiberuflich arbeiten wollen. 

Männliche Hebammen gibt es in der Deutschschweiz keine. Solche würden auch nicht aktiv gesucht. «Ich glaube nicht, dass das grundsätzlich ein Problem wäre», sagt Weber. Eine Hebamme habe aber schon eine sehr intime Beziehung mit den schwangeren Frauen und frischgebackenen Müttern. «Da spielt das Geschlecht dann schon eine wichtige Rolle.»
Kommentare
Kommentar zu: Hebammen kämpfen gegen das Aussterben
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geschrieben am 18.06.2017 22:31 | von Monika Diethelm-Knoepfel, Dr. med.

Das war im Kantonsspital St. Gallen schon 1999-2003, als ich meine drei Kinder zur Welt gebracht habe, so, dass bei normalem Geburtsverlauf die Hebamme die Hauptrolle spielte, und das auch bei Frauen mit Zusatzversicherung.

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