MAMMUTPROZESS

Kronzeuge zieht Urteil weiter: Fall Kümmertshausen kommt vor Obergericht

Der Mammutprozess Kümmertshausen wird vor dem Thurgauer Obergericht fortgesetzt. Der Verteidiger von Yilmaz B., dem sogenannten Kronzeugen, kündigte an, man werde das Urteil des Bezirksgerichts Kreuzlingen weiter ziehen. Der Staatsanwalt beantragt für ihn eine Freiheitsstrafe von neun Jahren.
13.02.2018 | 10:35
IDA SANDL

Noch läuft der Mammutprozess Kümmertshausen vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen und schon kündigt sich die nächste Runde an. Yilmaz B., bekannt als der Kronzeuge, will das Urteil ans Obergericht weiterziehen. Dies eröffnete sein Verteidiger an der gestrigen Verhandlung. Er verzichtete deshalb auf ein Plädoyer zur Höhe der Strafe für seinen Mandanten. Beim jetzigen Stand des Verfahrens sei es nicht möglich, ein angemessenes Strafmass zu fordern.


Eine Verpflichtung zur Hilfe

Der Staatsanwalt hatte zuvor eine Freiheitsstrafe von neun Jahren und vier Monaten für Yilmaz B. beantragt. Für den 39-jährigen Kurden brachte der Prozess eine Kehrtwende. Ursprünglich war er lediglich der Gehilfenschaft an der vorsätzlichen Tötung des IV-Rentners angeklagt. Das Gericht fand nun aber, er hätte dem Opfer helfen müssen.Es verurteilte ihn im Januar wegen eventualvorsätzlicher Tötung durch Unterlassung. Die drei Mitangeklagten sprachen die Richter dagegen vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung frei.

Yilmaz B. war bei sämtlichen Fahrten nach Kümmertshausen dabei, erklärt der Staatsanwalt: «Er wusste von der Gewaltbereitschaft seiner beiden Begleiter.» Die zwei Türken, denen in ihrem Land der Prozess gemacht wird, sollen den IV-Rentner gefesselt und ihm eine Kapuze in den Rachen gestopft haben. Daran ist der Mann erstickt. Yilmaz B. «hatte eine Verpflichtung dem IV-Rentner zu helfen», betont der Staatsanwalt. Zwar habe Yilmaz B. ausführlich ausgesagt, dabei aber stets versucht, die eigene Rolle klein zu reden.

«Er hat das ganze Verfahren erst ins Rollen gebracht», sagt der Verteidiger von Yilmaz B. Das müsse strafmildernd gewertet werden. Sein Mandant habe sich kooperativ verhalten, ihm sei es zu verdanken, dass es bei einigen Delikten überhaupt zur Verurteilung gekommen sei. Auf den Aussagen von Yilmaz B. basiert ein grosser Teil der Anklage, was ihm den Titel «Kronzeuge» eingebracht hat. Er wurde bereits in einem abgekürzten Verfahren, abgetrennt von den Mitbeschuldigten, zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das Urteil musste jedoch aufgehoben werden, da die Abtrennung aus Sicht des Bundesgerichts nicht zulässig war. Yilmaz B. ist Kurde und soll PKK-Sympathisant sein. Der Entscheid über seinen Aufenthaltsstatus liegt beim Verwaltungsgericht St. Gallen. Im Falle einer Verurteilung droht ihm die Ausschaffung. Yilmaz B. sagt in seinem Schlusswort: «Ich habe das alles nicht verdient.» Er habe sich auf das abgekürzte Verfahren eingelassen, um der Sache ein Ende zu machen. Unter diesen Vorzeichen habe er ein umfassendes Geständnis abgelegt und sich mit seinen Aussagen auch selbst belastet. Jetzt sei alles anders. «Das ist nicht logisch.»

Der Tod des IV-Rentners mache ihn traurig. Er habe dessen Grab aufsuchen wollen, doch man habe ihm gesagt, die Asche sei verstreut worden. 
 

Strafanträge für den Chauffeur: viereinhalb Jahre oder vier Monate

Er war der Chauffeur bei der letzten Fahrt nach Kümmertshausen. Müslüm D. ist wegen Gehilfenschaft zum Raub und wegen mehrfacher qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilt. Viereinhalb Jahre Freiheitsstrafe beantragt der Staatsanwalt. Der Verteidiger will vier Monate bedingt bei einer Probezeit von drei Jahren, dazu eine Geldstrafe. Müslüm D. ist ruhig und stets freundlich. Vor Gericht verweigert er meist die Aussage. Sein Verteidiger erklärt, er habe ihm verboten, etwas zu sagen. Sein Mandant sei «von der Rolle». Er sei drei Jahre und acht Monate in Untersuchungs- und Sicherheitshaft gesessen. Praktisch nur in Isolationshaft. Obwohl Müslüm D. unter schwerer Angststörung und chronischer Depression leide. Bei den Drogendelikten könne ihm nur der Kauf nachgewiesen werden. Man könnte meinen, Müslüm D. sei ein Justizopfer, kontert der Staatsanwalt. «Das ist ein Heroinhändler, in St.Gallen bestens bekannt.» Mindestens zweimal habe Müslüm D. eine grössere Menge Heroin erhalten. Mit dem Verkauf habe er die eigene Kokain- und Drogensucht finanziert. Er sei «nicht im Mindesten geständig» und einschlägig vorbestraft, sagt der Staatsanwalt.

Einen Seitenhieb verteilt der Staatsanwalt gegen den Verteidiger: Von dessen Eingaben seien viele «unangemessen». «Ich musste lästig werden», wehrt sich der Verteidiger, der mehrere Entscheide vor Bundesgericht erstritten hat. Dafür dürfe jetzt aber nicht sein Mandant bestraft werden. (san)

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