HOHE DUNKELZIFFER

Mit dem Auto in den Freitod

Forscher gehen davon aus, dass jeder hundertste Suizid in der Schweiz im Strassenverkehr passiert. Im Kanton Wallis steht nun ein Franzose vor Gericht, der nicht mehr hatte leben wollen und absichtlich frontal in ein entgegenkommendes Auto gefahren war. Ein zweifacher Familienvater starb, der Unfallverursacher überlebte.
13.09.2017 | 06:37
Kari Kälin

Kari Kälin

Ein tragischer Unfall zwar, aber keine aussergewöhnliche Geschichte: So liest sich die Meldung der Walliser Kantonspolizei über den Vorfall am 9. August 2015 in Münster im Goms. Aus noch nicht geklärten Gründen sei es an diesem Abend zu einer Frontalkollision gekommen. Ein 36-jähriger Walliser verstarb noch auf der Unfallstelle. Der zweite beteiligte Automobilist, ein 31-jähriger Franzose, erlitt mehrere Beckenbrüche. Die genauere Unfallursache, so die Polizei, werde nun abgeklärt.

Zwei Jahre später erscheint die Frontalkollision in einem anderen Licht: Die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis hat vor wenigen Tagen Anklage gegen den Franzosen erhoben. Er wird sich beim Kreisgericht Oberwallis wegen vorsätzlicher Tötung sowie qualifiziert grober Verletzung von Verkehrsregeln verantworten müssen. Sollte das Gericht im Hauptanklagepunkt nicht der Staatsanwaltschaft folgen, so kommen für diese auch fahrlässige Tötung oder schwere Körperverletzung in Betracht. Bei einer Verurteilung wegen vorsätzlicher Tötung droht ihm eine Haftstrafe von mindestens fünf Jahren.

Langjähriger Drogenmissbrauch

Der Beschuldigte befindet sich zurzeit in Sicherheitshaft in einem Gefängnis in Sitten. Das Bundesgericht musste sich zuvor mit der Frage befassen, ob die Verlängerung der Untersuchungshaft bis zum 1. September zulässig war. Es bejahte die Frage. Ein Blick in ein Urteil der Richter in Lausanne vom 24. August offenbart eine bis jetzt unbekannte Tragik des Falls. Der Franzose wollte nämlich sich selber umbringen. Dies sagte er bei der ersten Befragung am Tag nach dem Unfall. Kurz vor dem Aufprall erwägte er noch, in einen Baum zu krachen. Erst Sekunden vor dem Zusammenstoss entschied er sich, auf einer langen Geraden in hohem Tempo in ein anderes Auto zu fahren. Beim Frontalcrash kam jedoch nicht der Franzose, ein langjähriger Drogenkonsument mit psychischen Störungen und Depressionen, ums Leben, sondern der 36-jährige zweifache Familienvater aus dem Kanton Wallis.

In der Schweiz begehen laut einem Bericht des Bundesrats jährlich rund 1000 Personen Suizid. Die Methode Verkehrsunfall ist allerdings sehr selten. Gemäss einer Studie von Rechtsmedizinerin Saskia Gauthier und anderen Autoren nahmen sich in den Jahren 2000 bis 2010 53 Personen durch absichtlich herbeigeführte Unfälle das Leben. Das entspricht einem Prozent der untersuchten Suizide. Meistens steuerten die Suizidwilligen ihre Fahrzeuge in andere Personenwagen oder Lastwagen. Dabei rissen sie sechs Personen mit in den Tod.

Zurück zum Unfall in Münster. Das Kreisgericht Oberwallis wird sich unter anderem mit der Frage befassen müssen, ob der Franzose zum Tatzeitpunkt überhaupt schuldfähig war. Ein psychiatrisches Gutachten attestiert ihm fehlende Schuldfähigkeit. Hauptverantwortlich für den Unfall macht der Franzose deshalb psychotische Störungen als Folge einer schweren Depression. Ein Freispruch wegen fehlenden Verschuldens erscheine ihm zwingend. Der Franzose führt auch ins Feld, das Unfallopfer habe die Sicherheitsgurte nicht getragen. Hätte es dies getan, wären in den Augen des Unfallverursachers nur leichtere Verletzungen zu erwarten gewesen.

Das Bundesgericht liess diese Argumentation nicht gelten. «Wer sein Fahrzeug mit relativ hoher Geschwindigkeit frontal in einen entgegenkommenden Personenwagen lenkt, muss nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge durchaus damit rechnen, dass Fahrzeuginsassen sterben könnten, und zwar egal, ob diese Sicherheitsgurten tragen oder nicht», schreiben die Richter in Lausanne. Sie kamen zum Schluss, dass das Gericht möglicherweise auch dann eine stationäre Massnahme, konkret eine längere psychotherapeutische Therapie, anordnen könnte, wenn es den Franzosen als schuldunfähig einstufe.

Laut den bisherigen Untersuchungen stand der Franzose beim Unfall unter Cannabis- und Alkoholeinfluss. Laut psychiatrischem Gutachten konsumierte er seit seinem 15. Lebensjahr regelmässig Cannabis, Alkohol, Amphetamine und Kokain. Bisweilen rauchte er bis zu 20 Joints am Tag. Der chronische Drogenkonsument wurde im Juni 2015 aus einer Entzugsklinik in Frankreich entlassen und reiste darauf zu seinen Eltern in Spanien. Dort brachte ihn sein Vater wegen seines schlechten Zustandes gleich wieder in ein Krankenhaus. Anfang August fuhr der Franzose in die Schweiz – und entschied, sich das Leben zu nehmen.
 

Forscher empfehlen mehr Abklärungen

Geschätzte 1 bis 7 Prozent aller Verkehrstoten sterben im Rahmen eines Suizids. Das schreiben Saskia Gauthier, Oberärztin für Rechtsmedizin am Kantonsspital Aarau, und andere Autoren in der 2015 erschienenen Studie «Suizide im Strassenverkehr in der Schweiz». Die Forscher stützen ihre Schätzung auf Angaben aus der internationalen Literatur. Sie vermuten eine hohe Dunkelziffer von Suiziden im Strassenverkehr.

Für ihre Untersuchung haben Gau­thier und ihr Team alle 4885 Suizide ausgewertet, die in den Archiven der rechtsmedizinischen Institute der Schweiz zwischen 2000 und 2010 erfasst wurden. 53 Personen, gut ein Prozent, nahmen sich das Leben im Strassenverkehr. Bei diesen Unfällen rissen die Suizidbegehenden sechs Personen mit in den Tod.

Ein jüngerer Fall, der für Schlagzeilen sorgte, ereignete sich im November 2011 in Einsiedeln. Eine 28-jährige Frau steuerte ausserorts auf gerader Strecke einen Brückenpfeiler an, kollidierte dabei aber mit einem anderen Fahrzeug. Die Unfallverursacherin und der Lenker des entgegenkommenden Autos starben, dessen Ehefrau überlebte schwerverletzt. Das Spurenbild und die Ermittlungen im Umfeld der jungen Frau hätten zum Ergebnis geführt, dass es sich um einen Suizid gehandelt habe, sagte Florian Grossmann, Mediensprecher der Schwyzer Kantonspolizei, später gegenüber «Tele Züri».

«Ein Suizid im Strassenverkehr lässt sich einfach als Unfall tarnen», sagt Gauthier. In den Schlussfolgerungen zur Studie schlägt die Rechtsmedizinerin deshalb vor, dass bei jedem schweren Unfall, der durch eine Einzelperson verursacht wird, auch interdisziplinäre Abklärungen bezüglich eines Suizids getroffen werden sollen. Konkret kämen dabei neben der Staatsanwaltschaft als Auftraggeber die Polizei, der unfalltechnische Dienst und rechtsmedizinische Experten zum Einsatz. So könnte man zum Beispiel abklären, ob es Abschiedsbriefe oder andere Anzeichen für einen Suizid gab, ob sich Bremsspuren finden lassen, wie hoch die Aufprallgeschwindigkeit war und ob die getötete Person unter Einfluss von Medikamenten oder Suchtmitteln stand.

Technische Massnahmen

Als Schutzmassnahmen für «diese offenbar deutlich unterschätzte, fremdgefährdende, erfolgreiche Suizidmethode» kommen für Gauthier neue technische Entwicklungen wie Fahrassistenzsysteme mit Kollisionsschutz in Frage, um zum Beispiel Suizide im Affekt zu verhindern. Die Rechtsmedizinerin sieht auch eine Möglichkeit, Überlebende eines solchen Suizidversuchs durch Prävention von einem weiteren Versuch abzuhalten. Denn oft hätten Suizidwillige bereits zuvor versucht, sich das Leben zu nehmen.

Die Kantonspolizei St.Gallen prüft jährlich bei zwei bis drei Unfällen, ob eine Suizidabsicht vorlag. «Das ist dann der Fall, wenn wir keinen Anhaltspunkt für den Unfallhergang finden», sagt Sprecher Hanspeter Krüsi. Anhaltspunkte sind etwa fehlende Spuren, ein zielstrebiges Befahren der Gegenfahrbahn, das Nichttragen der Sicherheitsgurte oder ein bewusst ausgewählter Unfallort wie ein Tobel.

Im letzten Jahr publizierte der Bund einen Bericht zur Suizidprävention. Die häufigste Suizidmethode bei Männern zwischen 30 und 69 Jahren sind demnach Erhängen und Erschiessen, bei den Frauen Vergiften und Erhängen.

In der Regel berichten Medien nur sehr zurückhaltend über Suizid. Dies, weil Berichte darüber zum Nachahmen animieren könnten. Wer in einer Lebenskrise steckt und Suizidgedanken hat, sollte sich unbedingt helfen lassen. Die Dargebotene Hand hilft telefonisch anonym und kompetent. Das Angebot richtet sich auch an Angehörige oder Bekannte von Menschen in einer Notsituation: Nummer für Erwachsene: 143; Nummer für Kinder: 146. Mehr Informationen finden sich unter www.reden-kann-retten.ch

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