Praxisärzte sträuben sich

  • Das elektronische Patientendossier hätte viele Vorteile, doch viele Ärzte scheuen den Umstellungsaufwand.
    Das elektronische Patientendossier hätte viele Vorteile, doch viele Ärzte scheuen den Umstellungsaufwand. (Bild: Christian Beutler/Keystone)
19.06.2017 | 07:17

DIGITALISIERUNG ⋅ Das elektronische Patientendossier kann sich nur dann etablieren, wenn möglichst viele Leistungserbringer mitmachen. Doch gerade bei den Praxisärzten ist die Skepsis noch immer gross.

Michel Burtscher

Michel Burtscher

Der Bundesrat verspricht sich viel vom elektronischen Patientendossier, sehr viel sogar: Damit soll – unter anderem – die Qualität der medizinischen Behandlung gestärkt, die Patientensicherheit erhöht und die Effizienz des Gesundheitssystems gesteigert werden (siehe Kasten). Im März hat die Landesregierung die Details geregelt und die entsprechenden Verordnungen verabschiedet. Spitälern und Heimen bleiben nun noch knapp drei Jahre Zeit, um das E-Patientendossier einzuführen. Pflegeheime und Geburtshäuser haben zwei Jahre mehr.

Freiwillig bleibt die ganze Sache für ambulante Leistungserbringer wie Praxisärzte, Apotheker oder Chiropraktiker. Gerade bei den Praxisärzten ist die Skepsis gegenüber dem elektronischen Patientendossier noch immer gross, wie das jüngste eHealth Barometer des Forschungsinstituts Gfs.Bern zeigt: Demnach wollen nur gerade 19 Prozent der Praxisärzte ihren Patienten in Zukunft selbst ein elektronisches Patientendossier anbieten. 48 Prozent wissen es nicht oder geben keine Antwort. Ein ganzes Drittel der Befragten lehnt das gar ab.

Viele Ärzte arbeiten noch mit Papier

Dabei kann das E-Patientendossier die hohen Erwartungen nur erfüllen, wenn möglichst viele Leistungserbringer mitmachen: vom Hausarzt über den Apotheker bis zum Spezialisten. Laut den Studienautoren sind es die Spitäler, die beim Thema eHealth in vielerlei Hinsicht Speerspitze und Motor zugleich sind, während die Praxisärzte eher auf der Bremse stehen. Dabei sei aber die ganze Ärzteschaft «essenziell für den Erfolg von eHealth in der Schweiz». Gerade die Hausärzte haben eine wichtige Rolle: Bei ihnen nämlich würden gemäss der Gfs-Befragung 65 Prozent der Patienten am liebsten ihr E-Dossier eröffnen. Woher kommt also die Skepsis der Mediziner? Laut der Studie haben sie im Moment noch Bedenken wegen des Datenschutzes. Für Yvonne Gilli, Vorstandsmitglied der Ärztevereinigung FMH und zuständig für den Bereich eHealth, sind auch die Kosten ein entscheidender Punkt: «Praxisärzte müssen die Investitionen in ihre Infrastruktur selber übernehmen – was viele abschreckt.» Hinzu kommt, dass es auch heute noch viele Praxen gibt, die noch nicht voll digitalisiert sind, viele Ärzte, die noch mit Papier arbeiten. «Für sie kommt eine Umstellung teuer», betont die Ärztin.

Gilli selbst sieht die Vorteile eines elektronischen Patientendossiers vor allem bei standardisierten Prozessen, etwa bei der Medikation. Grundsätzlich zeigt sich Gilli aber überzeugt, dass mit der Zeit immer mehr Praxisärzte ihren Patienten ein E-Patientendossier anbieten werden. Einerseits, weil immer mehr ältere Ärzte in Pension gehen. «Praxen mit jungen Ärzten sind bereits jetzt voll digitalisiert, für sie ist das kein Problem», sagt die ehemalige grüne Nationalrätin. Andererseits ist sie sich sicher, dass sich auch ältere Ärzte vom elektronischen Patientendossier überzeugen lassen, wenn sie erst einmal «ein fertiges Produkt sehen und erfahren, dass es funktioniert».

Zwang wurde im Parlament diskutiert

Es gab aber auch immer wieder Stimmen, die das E-Patientendossier grundsätzlich für alle ­obligatorisch machen wollten. Dieses bringe nur etwas, wenn sämtliche Leistungserbringer mitmachen würden, sagte der SVP-Nationalrat und Gesundheitspolitiker Sebastian Frehner (BS) während der Debatte im Parlament. Ein solches Obligatorium wurde denn auch diskutiert, schliesslich aber wieder verworfen – nachdem der FMH mit dem Referendum gedroht hatte. Auch Gilli sagt, dass es eine Herausforderung werde, das Patientendossier zu etablieren, wenn es für einen Teil der Leistungserbringer freiwillig bleibt. Gleichzeitig werde so aber Druck auf die Entwickler ausgeübt, ein gutes System zu erarbeiten. Für sie ist denn auch klar: «Das Wichtigste ist, dass die Ärzte und dadurch auch die Patienten diesem vertrauen können.» Denn die Patienten sind es, die am Schluss entscheiden, ob und wo sie ein elektronisches Patientendossier eröffnen wollen. Und laut der Gfs-Studie gibt es auch bei ihnen noch Vorbehalte.

Kommentare
Kommentar zu: Praxisärzte sträuben sich
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()

geschrieben am 19.06.2017 10:58 | von Monika Diethelm-Knoepfel, Dr. med.

Ein elektronisches Patientendossier ist sehr sinnvoll. Wir machen damit sehr gute Erfahrungen. Aber damit es immer aktuell ist, braucht es einiges an Arbeit. Diese muss auch verrechnet werden können. Wenn der Tarifeingriff von Bundesrat Berset so wie geplant eingeführt wird, wird das nicht mehr möglich sein, weil die Arbeit in Abwesenheit des Patienten stark rationiert wird. Einmal mehr weiss in Bern die Rechte nicht, was die Linke will respektive tut

antworten
Ein neues Posting hinzufügen

Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.

Ich habe die AGB gelesen und akzeptiert.:
Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Was ist das Gegenteil von Weiss??
 

Meistgelesen

Tausende machen sich auf den Weg ans Open Air - viele von ihnen zum ersten Mal.
Schauplatz Ostschweiz: 29.06.2017, 06:49

Drogen, Sex und Sackgeld

Ihre 15-jährige Tochter geht zum ersten Mal ins Sittertobel?
Neuzugang Nassim Ben Khalifa wirkt schon bestens integriert beim FC St.Gallen. (Archivbild)
FC St.Gallen: 28.06.2017, 22:40

Die Jungen drücken aufs Gaspedal

St.Gallen bezwingt in Sirnach Austria Lustenau aus der zweithöchsten Liga Österreichs problemlos ...
Der Rettungsdienst sowie ein Notarzt seien rasch vor Ort gewesen und hätten den 15-Jährigen reanimiert. Anschliessend ist er ins Spital geflogen worden.
Unfälle & Verbrechen: 28.06.2017, 18:22

15-Jähriger ertrinkt beinahe im Seerhein

Ein 15-jähriger ist am Mittwoch nach einem Badeunfall in Tägerwilen mit der Rega ins Spital ...
Schöne Aussicht über den Bodensee: Das Indie-Festival Sur le Lac in Eggersriet feiert als erfolgreicher Nischenplayer diesen August bereits sein Zehnjähriges.
Ostschweiz: 29.06.2017, 06:06

Wolken am Festivalhorizont

Heute startet das 41. Open Air St. Gallen. Dem Event im Sittertobel folgen zahlreiche weitere ...
Der Absender «Kantonspolizei» sei eine Fälschung, warnt die Polizei.
Unfälle & Verbrechen: 28.06.2017, 15:54

St.Galler Polizei warnt vor gefälschten E-Mails

Die St.Galler Kantonspolizei warnt vor gefälschten E-Mails, die im Umlauf sind.
FCSG-Captain Tranquilla Barnetta muss mit seinem Team nach Baden.
Fussball Super League: 28.06.2017, 19:45

FC St.Gallen im Cup gegen Erstligisten

Titelverteidiger Basel beginnt die erste Hauptrunde im Cup beim Erstligisten Wettswil-Bonstetten.
Am neuen Standort in deutschen Herne, der 2019 mit Werkstatt, Waschanlage und Büros in Betrieb gehen soll, werden die Stadler-Züge, die im Ruhrgebiet verkehren werden, gewartet und instand gehalten.
Wirtschaft: 29.06.2017, 07:35

Stadler Rail baut Standort in Herne

Am neuen Standort, der 2019 mit Werkstatt, Waschanlage und Büros in Betrieb gehen soll, werden ...
Manche sind zum Anbeissen: Kirschen aus der Region.
Rorschach: 28.06.2017, 21:18

Nicht überall ist gut Kirschen essen

Das wechselnde Wetter setzt den Obstbäumen je nach Standort mehr oder weniger zu: Während die ...
Manch einer kommt von weit her und ist noch nicht mit den Gepflogenheiten vom Sittertobel vertraut.
Ostschweiz: 28.06.2017, 10:56

Liebe Nicht-Ostschweizer, das muss man über das OASG wissen!

Wer in der Ostschweiz aufgewachsen ist, hat das Open Air St.Gallen schon mit der Muttermilch ...
Das neue Verkaufsgeschäft der Confiserie Sprüngli in der St. Galler Altstadt.
St.Gallen Aufschlag: 29.06.2017, 06:37

Confiserie Sprüngli mit Ostschweizer Premiere

Heute eröffnet die Confiserie Sprüngli an der Multergasse 21 in der Altstadt ihr erstes ...
Zur klassischen Ansicht wechseln