Luzerner Polizisten nach Suizid vor Gericht

  • 17 Stunden lang hatte sich die Rentnerin im Haus verschanzt. Dann entschied sich die Polizei zur Stürmung und die Frau beging Suizid. Deswegen steht die Luzerner Polizeispitze nun vor Gericht. (Archivbild)
    17 Stunden lang hatte sich die Rentnerin im Haus verschanzt. Dann entschied sich die Polizei zur Stürmung und die Frau beging Suizid. Deswegen steht die Luzerner Polizeispitze nun vor Gericht. (Archivbild) (Keystone/ALEXANDRA WEY)
19.06.2017 | 06:12

POLIZEIEINSATZ ⋅ Der Luzerner Polizeikommandant Adi Achermann und Kripochef Daniel Bussmann müssen sich heute Montag vor dem Bezirksgericht Kriens wegen eines umstrittenen Polizeieinsatzes in Malters LU verantworten. Dabei hatte sich eine Rentnerin umgebracht.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten fahrlässige Tötung vor. Die beiden Polizeioffiziere bestreiten die Vorwürfe.

Anfang März 2016 war die Luzerner Polizei für eine Hausdurchsuchung in einen Weiler bei Malters LU ausgerückt. Sie vermutete, dass sich dort eine Hanf-Indoor-Plantage befand. Doch die 65-jährige Schweizerin, die sich in der Wohnung ihres Sohnes aufhielt, wollte die Polizei nicht hereinlassen. Stattdessen drohte sie, mit einem Revolver auf die Beamten zu schiessen und feuerte auch mehrere Schüsse ab.

Die Sicherheitskräfte rückten mit einem Grossaufgebot aus. Sie evakuierten die übrigen Wohnungen des Mehrfamilienhauses sowie benachbarte Gebäude. Spezialisten der Polizei verhandelten während 17 Stunden - auch während der Nacht - ergebnislos mit der Frau.

Am Morgen des zweiten Tages entschieden Polizei und Staatsanwaltschaft, die Wohnung durch die Sondereinheit Luchs stürmen zu lassen. Die Frau sei eine grosse Gefährdung für die Nachbarschaft und die Polizisten gewesen, sagte Achermann nach dem Einsatz.

Plan misslungen

Gemäss der Anklageschrift plante die Polizei, die Frau durch ein Telefongespräch in den hinteren Teil der Wohnung in die Nähe der Eingangstüre zu locken. Währenddessen sollte beim Wald ein Feuerwerk gezündet werden. Damit wollten die Beamten vom Aufbrechen der Türe ablenken. Danach sollte ein Interventionshund hineingeschickt werden und die Frau überwältigen.

Doch der Plan misslang: Bereits als sich die Beamten im Treppenhaus befanden, erschoss die Frau laut Polizeiangaben im Badezimmer erst ihre Katze und richtete sich schliesslich selber. Bei der späteren Durchsuchung der Wohnung stiessen die Beamten wie erwartet im oberen Stock der zweigeschossigen Wohnung auf eine Hanfanlage.

Alternativen nicht abgeklärt

Der ausserordentliche Staatsanwalt, der Aargauer Christoph Rüedi, wirft den Angeklagten vor, die Alternativen zu einem Eingriff nicht geprüft zu haben. Ihnen sei bewusst gewesen, dass die Rentnerin psychisch krank war, an paranoider Schizophrenie litt und am Morgen vor dem Einsatz einen psychotischen Schub erlitten habe, heisst es in der Anklageschrift.

Zudem seien die Verhandlungen mit der Frau pendent gewesen; noch am Morgen vor der Intervention habe sie um eine Bedenkfrist von einem Tag gebeten. Auch hätten die Beschuldigten wissen müssen oder zumindest in Erfahrung bringen können, dass die Frau engen Kontakt zu ihrem Sohn unterhielt. Dieser hätte sie überzeugen können, die Wohnung zu verlassen.

Trotzdem hätten sich die beiden Polizeichefs entschieden, gewaltsam in die Wohnung einzudringen. Dabei hätten sie nicht nur die Polizisten in Gefahr gebracht. Es sei auch auch vorhersehbar gewesen, dass sich die Frau wie angekündigt mit der Pistole selber umbringen würde.

Sicherheit der Frau vernachlässigt

Als Polizeichefs seien die Angeklagten "zur Aufrechterhaltung der Sicherheit der Menschen verpflichtet", auch der Sicherheit der Rentnerin. Diese Pflicht hätten sie verletzt, indem sie den Auftrag zur Wiederherstellung der Ordnung über die Sicherheit der Frau stellten. Damit sei die Intervention unverhältnismässig und damit auch pflichtwidrig gewesen. (sda)

Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Ein neues Posting hinzufügen

Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.

Ich habe die AGB gelesen und akzeptiert.:
Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Was ist das Gegenteil von Gut??
 

Meistgelesen

Wenn sich Gewalt ihren Bann bricht, sind alle gefordert - Beteiligte, Arbeitgeber, und oftmals auch Richter.
Kanton Thurgau: 28.06.2017, 06:31

Rote Köpfe und blaue Augen

Ein Mitarbeiter der Ernst Fischer AG wird am Arbeitsplatz handgreiflich gegen eine ...
Beste Laune bei diesen beiden Festivalbesuchern, obwohl es noch lange geht, bis sie aufs Gelände dürfen.
Ostschweiz: 28.06.2017, 09:44

Jetzt live: Das grosse Warten aufs Open Air St.Gallen

Das Areal des Open Airs St.Gallen wird erst am Donnerstagnachmittag geöffnet.
Derzeit sieht es so aus, als könnte man auch in diesem Jahr gut Regenstiefel brauchen im Sittertobel.
Ostschweiz: 28.06.2017, 06:40

Gummistiefel werden knapp

Die Wetterprognosen versprechen auch dieses Jahr ein schlammiges Open Air.
In den vergangenen Jahren war das Open Air St.Gallen bereits früh ausverkauft.
Ostschweiz: 28.06.2017, 05:00

Open-Air-Chef: "Unsere Existenz ist nicht bedroht"

Bereits in zwei Tagen geht das Open Air St.Gallen los.
Moderatorin Sabine Dahinden (links) wandert gemeinsam mit Sekundarschülerinnen und -schülern aus dem Obertoggenburg von der Gamsalp auf den Chäserrugg.
Toggenburg Aufschlag: 27.06.2017, 16:30

Moderatorin Sabine Dahinden erklimmt den Chäserrugg

Ein Team von «Schweiz aktuell» war am Montag im Toggenburg unterwegs, um Aufzeichnungen für eine ...
Das Wrack der russischen Passagiermaschine am Tag nach dem Unglück.
Ostschweiz: 28.06.2017, 07:24

«Die Besinnung kommt erst später»

Am 1. Juli 2002 stiessen bei Überlingen am Bodensee zwei Flugzeuge in der Luft zusammen – ...
China-Southern-Passagiere mussten in Shanghai stundenlang auf einen Abflug warten. Grund war eine abergläubische Chinesin. (Symbolbild)
Wirtschaft: 28.06.2017, 07:00

Abergläubische Chinesin verzögert Abflug

Der Start eines Flugzeugs in China hat sich mehrere Stunden verzögert, weil eine abergläubische ...
Fabian Füger in seiner Bäckerei.
Rorschach: 27.06.2017, 10:49

Steinacher Beck holt nationalen Preis

Der junge Bäcker-Konditor Fabian Füger ist mit der nationalen Branchenauszeichnung "Bäckerkrone" ...
Die vier grossen Scheinwerfer sorgen für zu wenig einheitliches Licht in der Wiler IGP-Arena.
Wil Aufschlag: 27.06.2017, 18:27

Mehr Licht mit Verspätung

Der FC Wil braucht ab der neuen Saison in der IGP-Arena mehr Licht, um eine Lizenzauflage der ...
Durch das Feuer entstand ein Gebäudeschaden von rund 300'000 Franken.
Unfälle & Verbrechen: 27.06.2017, 17:46

Feuerwerkskörper löste Grossbrand in Logistikfirma aus

Der Grossbrand in einer Logistikfirma in Schwarzenbach bei Wil in der Nacht auf Sonntag ist ...
Zur klassischen Ansicht wechseln