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Vor der Uraufführung des Musicals "Matterhorn": Whympers Glück und Katastrophe

Mit dem Musical «Matterhorn» kommt nächsten Samstag die Erstbesteigung eines Bergs auf die Bühne, der so viele Opfer gefordert hat wie kein anderer Berg. Sich in Lebensgefahr zu begeben, das ist anziehender denn je.
11.02.2018 | 05:17
Rolf App

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Am Ende seines Rechenschaftsberichts richtet Edward Whymper, sieben Jahre nach der Katastrophe am Matterhorn, das Wort an jene, die kommen werden. «Ich habe Freuden genossen, die zu gross sind, um in Worten beschrieben zu werden», schreibt er 1872, «und habe Kummer gehabt, an den ich nicht gern denke, und mit diesen Erfahrungen vor Augen sage ich: Ersteigt die Hochalpen, wenn ihr wollt, aber vergesst nie, dass Mut und Kraft ohne Klugheit nichts sind und dass eine augenblickliche Nachlässigkeit das Glück eines ganzen Lebens zerstören kann. Übereilt euch nie, achtet genau auf jeden Schritt und bedenkt am Anfang, wie das Ende sein kann!»

Viel genützt hat es nicht. Man braucht nur einen kleinen Rundgang durch den Bergsteigerfriedhof von Zermatt zu unternehmen. Oder die Polizeimeldungen des Kantons Wallis zu studieren. «Tödlicher Berg­unfall am Matterhorn», melden sie etwa am 26. August letzten Jahres. Beim Abstieg über den Hörnligrat sei einer von zwei Alpinisten hundert Meter in die Tiefe gestürzt, «die beiden Bergsteiger waren nicht angeseilt». War es diesmal ein 42-jähriger Ungar, so fand tags darauf ein 31-jähriger Japaner den Tod. Und so geht es, Jahr für Jahr, seit Edward Whymper als Erster oben gestanden ist am 14.Juli 1865. An keinem andern Berg sind so viele Menschen gestorben wie am Matterhorn, das Menschenmassen aus aller Welt nach Zermatt lockt – und dessen Erstbesteigung nächsten Samstag auf der Bühne des Theaters St. Gallen als Musical ihre Uraufführung erleben wird. «Musikalisch mitreissend», wie Michael Kunze verspricht, der den Stoff aufgegriffen hat, aber auch als Parabel über das Verhältnis von Mensch und Natur. Bergsteigen ist «eine Möglichkeit, um mit dieser Plastikwelt fertig zu werden», hat Oswald Oelz gesagt, Arzt und selber leidenschaftlicher Bergsteiger. «Es ist eine Rückkehr in die Urwelt, in der sich unsere Evolution vollzogen hat. Wenn Sie an einem kleinen Griff in der Wand hängen und es nur darum geht, den nächsten Griff zu finden, ist es völlig unwichtig, ob Sie der Chef mag oder nicht.»

Das Matterhorn: «Ein Zuckerhut, dessen Spitze schief steht»

Noch nicht aus einer Plastikwelt, aber sehr wohl schon aus einer Welt im Umbruch kommt Edward Whymper. Unter den englischen Adligen oder Pastoren, die gerade das Bergsteigen und damit das kleine Zermatt entdecken, ist er ein Aussenseiter. Geboren 1840 als zweites Kind einer Familie mit elf Kindern, deren Vater ein bekannter Holzstecher und Aquarellist ist, erlernt er auch diesen Beruf. Denn es gibt viel zu illustrieren: Bücher, Zeitschriften, Zeitungen. Da ist etwa die Zeitschrift «Peaks, Passes an Glaciers», deren erste Ausgabe 1859 erscheint. In ihr berichten die Mitglieder des Londoner Alpine Club über ihre bergsteigerischen Leistungen. Und damit das Ganze Anschaulichkeit bekommt, bittet der Verleger William Longman den jungen Edward Whymper, den zweiten Band zu illustrieren. So kommt er in die Berge – aus Zufall, und nicht etwa, weil er es will. Und so kommt er am 12.August 1860 auch nach Zermatt. Das Matterhorn scheint ihn dabei nicht sonderlich beeindruckt zu haben. Er beschreibt es als «einen Zuckerhut, dessen Spitze schief steht».

Im Hotel von Alexander Seiler findet er einige Mitglieder des Alpine Club versammelt, er begleitet sie auf ihren Unternehmungen und hält das Erlebte in Zeichnungen fest. Dann reist er weiter, in die Dauphiné, wo er die Freude am Bergsteigen entdeckt. Und kehrt 1861 zurück. In Valtournenche auf der italienischen Seite schreibt er ins Gästebuch des Hotels: «Edward Whymper, en route for the Matterhorn!» Er will Jean-Antoine Carrel engagieren, den ihm alle als den kompetentesten Führer im Tal nennen. Aber Carrel ist anderweitig verpflichtet. Und mit der Gründung des Club Alpino Italiano werden die beiden zu Gegenspielern: Jetzt wollen die Italiener die letzten 150 Meter zum Gipfel auf 4478 Metern über Meer zum Ruhm des neu entstandenen Italien als Erste schaffen. Auch Whymper hat den Narren gefressen an diesem Berg. Jahr um Jahr kehrt er zurück, findet in Michel Croz einen Gefährten, der in seiner Eigenwilligkeit gut zu ihm passt, und in Lord Francis Douglas auch jemanden, der das Ganze finanziert. Über Croz lernt Whymper den Pastor Charles Hudson kennen, der als der beste Bergsteiger seiner Zeit gilt. In seiner Gesellschaft der 19-jährige Douglas Hadow, ein exzellenter Crickettspieler, aber ein Anfänger in den Bergen.

Zusammen mit zwei weiteren Bergführern – Peter Taugwalder Vater und Sohn – ziehen sie am 13. Juli 1865 los, während sich auf italienischer Seite Carrel mit einer Gruppe auf den Weg macht. Der Berg ist leichter zu bezwingen, als sie gedacht haben, und während Whymper oben noch zeichnet, machen sich die andern zum Abstieg bereit. «Es war einer der ungewöhnlich ruhigen und heissen Tage, denen gewöhnlich schlechtes Wetter zu folgen pflegt», beschreibt Whymper die Atmosphäre. «3000 Meter unter uns lagen die grünen Felder von Zermatt mit ihren Sennenhütten.»

Die Queen denkt sogar daran, das Klettern zu verbieten

Doch die Idylle währt nicht lang.Beim Abstieg rutscht Hadow aus, Croz will ihn halten, doch die vorderen vier Bergsteiger rutschen dem Abgrund entgegen, während sich oben Whymper und die Taugwalders hinter einem Felsen dagegen stemmen. Das dünne Seil reisst, Hadow, Croz, Hudson und Douglas stürzen ab. Und während von Douglas bis heute jede Spur fehlt, werden die andern drei auf dem Bergsteigerfriedhof beerdigt. Das Seil aber, das man im Zermatter Museum findet, wird zum Gegenstand jahrelanger Auseinandersetzungen. Nachdem Queen Victoria sogar mit dem Gedanken spielt, den Klettersport zu verbieten, gerät Whymper unter Druck. Er verdächtigt Peter Taugwalder senior, er habe dieses Seil durchschnitten.

«Taugwalder war ein grossartiger Bergführer», sagt demgegenüber Reinhold Messner. «Nur deshalb ist es ihm auch gelungen, drei Menschen zu retten.» Aber «Whymper konnte sehr gut schreiben. So verbreitete sich seine Sicht.» Zermatt aber sei «nicht wegen der Matterhornbesteigung zum berühmtesten Bergort geworden, sondern wegen der Tragödie».

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