SWISS MUSIC AWARDS

Viermal Nemo und einmal Crimer

Die Schweizer Musikszene feierte im Zürcher Hallenstadion. Grosser Abräumer war dabei der junge Pop-Rapper Nemo aus Biel. Aber auch in die Ostschweiz gingen ein Award: Crimer aus dem Rheintal wurde als "Best Talent" geehrt.
09.02.2018 | 22:14
Michael Graber, Zürich
Grosser Jubel bei Crimer: Der Ostschweizer räumte den Swiss Music Award als «Best Talent» ab. Der sympathisch-verschrobene Jünger der Achtzigerjahre konnte damit einen der mittelschönen Betonklötze nach Hause nehmen, die es für die Sieger gibt. Vielleicht hatte Crimer aber auch einfach Glück, dass er in einer der wenigen Kategorien nominiert war, in denen Nemo es eben nicht war (Crimer setzte sich gegen Panda Lux und Stereo Luchs durch). Gleich vier der Preise nahm der junge Bieler mit heim. («Best Hit», «Best Breaking Act», «Best Male Solo Act», «Best Live Act»).
Video: Swiss Music Awards 2018: Eliane, Kuno Lauener und Crimer

Eliane gewinnt den Preis als "Best Female Solo Act". Kuno Lauener gewinnt mit Züri West den Preis für das beste Album und Crimer ist "Best Talent" vom Jahr 2018. (Raphaël Rück)

Lynn und Kunz unterlagen in ihren Kategorien dem grossen Abräumer: Nemo. Gleich vier («Best Hit», «Best Breaking Act», «Best Male Solo Act», «Best Live Act») der Preise nahm der junge Bieler heim. «Ich habe mir extra ein Büchlein mitgenommen, damit ich niemand vergesse», bedankte er sich.

Die Swiss Music Awards sind eigentlich ein zwiespältiger Anlass. Der wichtigste Schweizer Musikpreis krankt am Gigantismus, den ihm seine Macher  auferlegt haben. Hallenstadion, Roter Teppich und Fernseh-Liveübertragung. Drunter macht man es nicht. Und auch wenn sich alle Musiker und Musikerinnen in feines Gewand gehüllt hatten: Es wirkt halt doch irgendwie alles ein bisschen provinziell. Auch weil nicht unbedingt die Qualität der Musik ausgezeichnet wird, sondern die Verkäufe eine zentrale Rolle spielen (plus ein Publikumsvoting).

Auch darum kann man bereits jetzt sagen: Im nächsten Jahr wird der Nemo dann (wieder) Trauffer heissen. Die Swiss Music Award sind nicht am Puls der Schweizer Musikszene, sondern hängen am Tropf der Hitparade. Das macht den Preis etwas gar überraschungsarm und damit auch nur bedingt sexy. Das versuchen die Macher mit Pomp und dem besagten Gigantismus zu kaschieren. Gelingt oft, aber nicht immer.
Video: Swiss Music Awards: SMA: Rapper Nemo räumt vier Preise ab

Der 18-jährige Bieler Rapper Nemo, der unlängst eine längere Kreativpause angekündigt hatte, gewann Preise in den Kategorien "Best Live Act", "Best Breaking Act", "Best Male Solo Act" und den "Best Hit". Noch nie gewann ein Musiker an den Swiss Music Awards am selben Abend vier Preise. (Raphaël Rück)

Wie einst Simon Ammann

Das soll alles keineswegs die Leistung von Nemo schmälern. Mit seiner unbekümmerten Art hat er sich die Awards verdient. Zwei hätten auch genügt, aber das sind Details und mit einem Cüpli hat man das schnell weggespült. Was Nemo Mettler zu einem würdigen Sieger macht, ist die Freude, die er nach jedem einzelnen Preis ausstrahlt. Preis-Routine ist beim 18-Jährigen noch Fehlanzeige. Es ist ein bisschen wie bei Simon Ammann beim Skisprung-Olympiagold in Salt Lake City – man muss sich einfach mit ihm freuen. Und auch Nemos Outfit hatte gestern Abend doch gewisse Ähnlichkeiten mit jenem von Gold-Simi 2002.

Sowieso: Seine starken Momente hat dieser Award, wenn es menschelt. Etwa wenn sich Züri West etwas ratlos anschaut, wer denn jetzt auf die Bühne geht, um den Preis für das beste Album in Empfang zu nehmen – es gingen dann alle. Und wenn «Best Talent» Crimer sagt, der Betonklotz sei der Grundstein für sein erstes Haus, ist das tatsächlich (ein kleines bisschen) witzig – zumindest witziger als vieles, was Moderator Stefan Büsser sagt. Eliane («Best Female Solo») kommen fast ein bisschen die Tränen. Am erfrischendsten am ganzen Abend wirkt Danitsa, die den Preis für «Best Act Romandie» gewann und Faber, der den «Artist Award» gewinnt, ist einfach eine schampar ehrliche Haut, der sich getraut den Award und auch sonst recht vieles zu kritisieren. 
 

«Ich mache es nicht für die Awards»

Und sonst? Grossmehrheitlich Nemo! Dazwischen funkt noch einmal Züri West als «Best Group» (Kuno Lauener dazu komplett euphorisiert: «Hey super»). Nemo schafft es kaum ab der Bühne, schon wird er wieder raufgerufen. Vom dritten Preis erfuhr er kurzerhand beim Siegerinterview für den zweiten Award. «Ich mache es aber nicht wegen den Awards», versicherte er sogleich, «ich mache es, weil ich die Musik liebe.» Die feierlichen Worte beherrscht er trotz der Jugendlichkeit schon ganz gut.

Beim vierten Preis (den für den besten Hit) war Nemo dann endgültig fast ein bisschen  sprachlos. Zusammen mit seiner Songschreibe-Truppe (darunter Dodo und Lo von Lo & Leduc) fabulierte man ein bisschen über Musik und die Liebe. Alles nett – und harmlos.

So richtig bewegend wurde der Swiss Music Award aber einzig, als Martin «Ain» Stricker posthum den Award für sein Lebenswerk erhielt. Der Zürcher hat Prügelmetal mit grosser internationaler Ausstrahlung gemacht, wurde aber in der Schweiz nur innerhalb seiner Szene wirklich bekannt. Eigentlich wäre es doch Aufgabe eines solches Preises, solche Leistungen schon zu Lebzeiten zu ehren, denkt man kurz. Dann rollt die Award-Maschine unerbittlich weiter.
 
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