Studer verliert gegen Horrorclowns

PREMIERE ⋅ Friedrich Glausers Kriminalroman «Matto regiert» kommt im Theater St.Gallen als revueartiger Psychotrip auf die Bühne. Eine abgründige und bildstarke Inszenierung mit einem zerbrechlichen Wachtmeister Studer.
14. Januar 2018, 09:25

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Hansruedi Kugler
Wer noch den trägen Schwarz-Weiss-Film mit Heinrich Gretler als Wachtmeister Studer im Kopf hat, wird im Theater St.Gallen mit einer schrillen Revue in leicht nostalgischem Ambiente beglückt. Diese schleudert einen tief hinein in die Wahrheiten und in die Brisanz des Romans aus den 1930er-Jahren: «Matto regiert» ist ein Raubmordkrimi, ein unheimliches Versteckspiel mit lauter maskenhaften Irrenanstalt-Akteuren und nicht zuletzt eine immer wieder aktuelle Kritik an Pflegenotstand, Karrierismus und der drohenden Barbarei, in welche Technokratie fallen kann. Christina Rasts Inszenierung bringt den Roman mit starken Tableaus, mit einer dichten, psychedelischen Atmosphäre und mit Schwung auf die Bühne. All das mit einer vergnüglichen und bewundernswerten Klarheit.

Immer wieder rollen Totenbahren über die Bühne

Missmutig nimmt Wachtmeister Studer (Hansjürg Müller) mitten in der Nacht das riesige Telefon ab und wird in die Irrenanstalt beordert. Der Direktor und ein Patient sind verschwunden. Doktor Laduner empfängt ihn mit maskenhaftem Lächeln (sportlich-agil: Marcus Schäfer) und warnt ihn vor «Imponderabilien» (Unwägbarkeiten). Ein umgestürzter Bürostuhl genügt, um das verwüstete Büro des verschwundenen Direktors anzudeuten. Schnell wechseln die auf Podien hereinrollenden Requisiten die Szenerie: das abendliche Fest, von dem der Direktor per Telefon weggerufen worden ist, der Frühstückstisch der Laduners, das Therapiezimmer des Arztes mit Analysecouch, die Badewanne und immer wieder über die Bühne gefahrene Totenbahren. Studers Nachforschungen ergeben lange kein klares Bild, dann ein paar fatale und tödlich falsche Verdächtigungen. Nach und nach schminken sich Patienten und Personal die Gesichter, bis sie für den Wachtmeister zu albtraumhaften Horrorclowns werden. Studer selbst landet auf der Analysecouch und in der Therapie-Badewanne. Bis er einsieht, dass er sich an der Nase hat herumführen lassen. Lauter Fake News, würde man am liebsten sagen. Die Inszenierung fasst den stoffreichen Roman in einer Mischung aus Realismus und Groteske passend zum Masken- und Verwirrspiel der Figuren in eine puppenhafte Revue. Studers Verwirrung ist stimmiges Seelenbild wie beissender Zeitkommentar.

Nächste Vorstellung: Fr, 19.1., 19.30 Uhr, Theater St.Gallen.


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