Lachen – auch über den Tod

  • Von der Mutter hat sie das Eigenwillige, vom Vater den Humor: Katja Früh im Zuschauerraum des Casinotheaters Winterthur.
    Von der Mutter hat sie das Eigenwillige, vom Vater den Humor: Katja Früh im Zuschauerraum des Casinotheaters Winterthur. (Bild: Urs Bucher)
14.06.2017 | 07:40

DREHBUCHAUTORIN ⋅ Mit der TV-Serie «Lüthi und Blanc» ist sie zur Chronistin unseres Lebens geworden. Jetzt nimmt Katja Früh sich die eigene Familie vor – und verpackt das schwere Thema Sterbehilfe in eine Komödie.

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Man stelle sich das vor: Da schafft es diese Frau, zwischen 1999 und 2007 über 288 Folgen hinweg eine höchst erfolgreiche Fernsehfamilie mit all ihren Liebschaften und Rivalitäten glaubhaft zu zeichnen und dabei auch noch Themen wie Homosexualität, Rassismus, Drogenmissbrauch, Prostitution, Zölibat und Inzest aufs Tapet zu bringen. Beim Schweizer Fernsehen hat man ihr damals mit «Lüthi und Blanc» einen Flop prophezeit, doch Katja Früh hat sich durchgekämpft.

«Wichtig ist, dass die Figuren echt sind», hat sie damals gesagt. Es ist ihr Credo geblieben. In Drehbüchern, Theaterstücken, Hörspielen, Kolumnen lauscht sie seither in unseren Alltag hinein – oft zusammen mit Patrick Frey, ihrem kongenialen Schreibpartner. Den eigenen Alltag schliesst sie keineswegs aus. Wie jetzt, da sie am Casinotheater Winterthur «Exit retour» zur Premierenreife bringt.

Nicht mehr der Tod holt uns, wir bestellen ihn

Es ist eine Sterbehilfekomödie. Mehr noch: Es ist die Geschichte ihrer eigenen Mutter. «Natürlich ist ‹Exit retour› ein Theaterstück», sagt Katja Früh zwischen den Proben. «Ich habe vieles gegenüber den realen Geschehnissen verändert, vor allem das Ende. Aber im Kern bleibt es die Geschichte meiner Mutter.»

Die hat mit 88 beschlossen, dass sie nicht mehr leben will, den Sterbehelfer bestellt und die Familie vor vollendete Tatsachen gestellt. Ihre Tochter nimmt die Nachricht gefasst entgegen, sie hält sich für aufgeschlossen genug. Doch dann, sagt sie, «machte mir der bevorstehende Tod doch zu schaffen. Und zwar allein schon die Tatsache, dass dieser Tod nicht nur ein genaues Datum, sondern sogar eine präzise Uhrzeit hat.» Nicht mehr der Tod ist es, der uns holt, wir bestellen ihn.

Da werden grosse, ernste Fragen angeschnittenen. Geht das als Komödie? «Aber ja, sicher», sagt Katja Früh. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade das Lachen die Menschen zum Nachdenken bringt.» Zum Beispiel in «Supertheo», einer Erziehungskomödie. «Da haben die Menschen im Foyer nicht über das Stück geredet, sondern über ihre Kinder.»

Lachen verbindet, Lachen schafft Nähe. Aber man muss das können. Die Komödie ist eine grosse Kunst. Es muss alles Schlag auf Schlag gehen. Jeder Satz muss sitzen, manchmal auch jedes Wort. Die Gesten, das Tempo, die Körperhaltung: Auf all dies kommt es an. Und wenn sie selber Regie führt wie hier, dann achtet sie auf all dies.

Auf der Bühne steht Patrick Frey, ihr Partner. Sie hat die Idee zu «Exit retour» schon längere Zeit mit sich herumgetragen, hat ein Filmdrehbuch geschrieben, Schauspieler angefragt und sogar einen Produzenten gefunden – aber von keiner Seite Geld bekommen. Obwohl sie weiss Gott eine bekannte Filmautorin ist. Wollte sich wohl niemand am Thema Sterbehilfe die Finger verbrennen? Jedenfalls hat sie es in jenem Gremium erzählt, das im Casinotheater Winterthur Stoffe entwickelt und Stücke aussucht.

Patrick Frey hat sofort reagiert, und so haben sie aus dem sehr viel komplexeren Filmdrehbuch ein Kammerstück gemacht. Wie das geht, zusammen ein Stück schreiben? «Ja, das werde ich oft gefragt», sagt Katja Früh. «Wir sitzen zusammen, reden, probieren Sätze aus, und wenn es für beide stimmt, schreiben wir sie auf. » Es braucht dazu eine starke Grund-Gestimmtheit, vor allem den selben Sinn für Humor. Sonst wird es nix.

Auf der Bühne steht nicht nur Patrick Frey. Da steht auch, als Enkelin der Sterbewilligen, Lisa Maria Bärenbold, Katja Frühs Tochter. Ob die Mutter ihr geraten hat, Schauspielerin zu werden? «Im Gegenteil», sagt sie. «Ich habe ihr alles ausgemalt, was auf sie zukommt. All die Castings, von denen man wieder nach Hause geschickt wird. All die Ablehnung, die man erfährt. Die Schwierigkeit, eine Anstellung zu finden bei schlechter Bezahlung.» Genützt hat es nichts, und Katja Früh weiss warum. «Bei uns sind in der ‹Lüthi und Blanc›-Zeit ständig die Schauspieler ein- und ausgegangen. Dem konnte Lisa sich nicht entziehen, und ich kann es verstehen. Denn wenn man dann einmal auf der Bühne steht, ist es ein schöner Beruf.»

Sie kann es verstehen, weil sie es selber erlebt hat als Tochter des Filmregisseurs Kurt Früh und der Schauspielerin Eva Langraf. Die Welt des Theaters ist per Familie tief in sie eingedrungen, aber weil sie sich nicht dem Verdacht aussetzen wollte, sie verdanke ihre Karriere dem berühmten Vater, ist sie zur Ausbildung nach Deutschland gegangen. Dort hat sie mehrere Jahre Theater gespielt, sich dabei aber «nie so richtig wohl gefühlt».

Warum? «Das hatte wohl auch mit dem Klima in den deutschen Staatstheatern zu tun», sagt sie. «Im Gegensatz zum Neumarkt-Theater Zürich, wo ich ein Jahr lang das Mädchen für alles war und eine starke Gemeinschaft erlebte, arbeitete man in Deutschland sehr isoliert. Die Schauspieler lernten sich gar nicht richtig kennen.»

Das aber braucht Katja Früh, um zur Bestform auflaufen zu können. Nicht nur ihren Schreib­partner Patrick Frey kennt sie schon lange, sondern auch ihre Schauspieler, denen sie ihre Stücke auf den Leib schreibt. Doch es gibt noch einen andern Grund, warum Katja Früh nicht mehr auf der Bühne steht. Sie hat doch gespürt, dass ihre Kreativität woanders liegt.

«Im Hörspiel bin ich recht eigentlich aufgeblüht»

Wobei sie auch Glück gehabt hat. «Ich habe mich beim Radio beworben und wollte in den politischen Journalismus. Doch dort hat man mich in die Abteilung Hörspiel gesteckt, und da bin ich dann eigentlich aufgeblüht.» Zum Beispiel mit dem «Memo-Treff», kurzen Stücken, in denen alte Menschen ihren Alltag verhandelten. Da hat sie gelernt, den Menschen aufs Maul und in die Seele zu schauen, aber freundlich. So dass sie am Ende sogar über sich selber herzlich lachen können.

Eine letzte Frage haben wir noch, was sie denn von Mutter und Vater gelernt hat. Von der Mutter hat sie gelernt, «keine Angst vor Obrigkeiten zu haben – und eine gewisse Art, eigenwillig zu sein». Vom Vater kommt «das Spielerische, der Humor». Was für ein Menschenleben eine ganz gute Mischung ist.

«Exit retour», die Sterbehilfekomödie von Katja Früh und Patrick Frey, hat am Donnerstag um 20 Uhr im Casinotheater Winterthur Premiere. Vorstellungen bis 8. Juli.

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