Delvoyes Kunst-Grenzfälle in Basel

  • Wim Delvoyes Grosse Stahlskulptur "Cement Truck" (2016) im Park des Museum Tinguely in Basel.
    Wim Delvoyes Grosse Stahlskulptur "Cement Truck" (2016) im Park des Museum Tinguely in Basel. (Museuem Tinguely/Daniel Spehr)
13.06.2017 | 12:18

AUSSTELLUNG ⋅ Grenzen der Kunst sind Wim Delvoyes bevorzugtes Spielfeld: dimensional mit Skulpturen in LKW-Format, moralisch mit verkauften Tattoos oder thematisch mit Verdauungsmaschinen. Jetzt widmet das Basler Museum Tinguely dem Belgier eine Retrospektive.

Während der Kunstmessewoche beginnt am Mittwoch die erste Schweizer Werkschau des 1965 in Wervik geborenen Künstlers, der heute in Gent und Brighton lebt. Ein Berührungspunkt mit Tinguely ist Delvoyes Neugier, spannende Abläufe mit Kunstmaschinen nachzubilden, zu ironisieren und dabei grundsätzliche Fragen aufzuwerfen.

Dies gilt speziell für Delvoyes wohl bekannteste Werke, die zwischen 2001 und 2010 geschaffenen Cloacas: Diese imitieren funktional den menschlichen Verdauungsvorgang, erst als nüchterne Laboranlage, später als verspieltere Maschinenassemblage und zuletzt als mobiles Werk im Koffer, was den Ernst des Themas vollends aufbricht.

Die Basler Ausstellung dokumentiert auch frühere Werke, wobei unter anderem Bügelbretter mit Heimatwappen oder Gaskanister mit Delfter Porzellanmalerei kontrastiert werden. Aus Banalem macht er so Kunst, bringt Volkskunst ins Museum und baut Spannung auf zwischen Material und Thema. Irritation gehört dabei zum Konzept, und er geht weit.

So machte Delvoye 1997 erstmals breit auf sich aufmerksam, als er betäubte Schweine tätowierte. Weil das juristisch umstritten war, eröffnete er in China, wo das Tierschutzgesetz lascher ist, eine Schweine(kunst)-Farm.

Mit ästhetischen Gegensätzen parodiert er oft den Kulturkommerz. So tätowierte er Ferkeln Labels von Luxusartikeln oder einem Briten eine gekreuzigte Mickey Mouse. Ein Tattoo auf dem Rücken eines Zürchers zeigt eine Madonna, umgeben von rituellen Emblemen - der Mann hat seine Haut inzwischen an einen Sammler verkauft.

Die in Zusammenarbeit mit dem MUDAM Luxemburg entstandene Basler Retrospektive zeigt die Breite des Schaffens des Belgiers und damit auch feinere Werke. Sie regt an zum Nachdenken über den Kunstmarkt, aber auch über die Kunst und das Leben an sich. Ein umfassender Katalog liefert weitere Hintergründe. (sda)

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