UNKOMMOD

Krawatten (ver)binden

07.01.2018 | 05:17
Blanca Imboden

Über Weihnachten spielen sich in vielen Familien Dramen und Komödien ab, oft gleichzeitig, in einer chaotischen Mixtur. Der Christbaum passt nicht in die Stube. Die Lichter-ketten sind verknotet. Die Schwiegermutter beschliesst vegan zu leben und verweigert die Weihnachtsgans, die man nur ihretwegen gemacht hat. Das Enkelkind tobt, weil der Akku des ferngesteuerten Autölis nicht auf- geladen ist. Der Familienhund re- agiert auf die Aufregung mit Brechdurchfall. Ein Fundus für Schriftstellerinnen. Auch der Jahreswechsel bietet Inspiration.

Hans und ich waren an Silvester eingeladen. Vornehm und festlich sollte der Anlass werden. Ich hatte schon das grosse Schwarze bereitgelegt, und Hans suchte nach einer Krawatte. In einem Anfall von «Nie-wieder-trage-ich-eine Krawatte» hatte er sie weggeräumt. Hans fand längst verschollene Dinge: einen wichtigen Adapter, die Stimmgabel, den Blutgruppenausweis. Am Ende lagen Krawatten in der untersten Schublade der hintersten Kommode. «Gut, dann ziehe ich eine an», meinte Hans resigniert. Die Frage war nur: Wie kommt der Knoten in die Krawatte? «Das ist wie Fahrradfahren», meinte er. «So etwas verlernt man nicht.» Aha. Allerdings gelang ihm dann doch kein ansehnlicher Knoten mehr. Ich suchte Hilfe im Internet. Auf Youtube gibt es Hunderte von Videos, die zeigen, wie man eine Krawatte bindet. Die Knoten heissen Eldredge, Trinity, Doppelter Windsor. Mir wurde schwindlig. Hans beschloss, zuerst einen Mittagsschlaf zu machen. Auch eine Strategie.

Ich nahm die Krawatte und suchte Hilfe bei den Nachbarn. Wozu wohnen wir schliesslich in einem Wohnblock? Der Portugiese von oben links lachte und erklärte, er habe überall Knoten in den Krawatten und könne selber keinen machen. Er lud mich zu einem Portwein ein. Meine türkische Nachbarin bat mich freundlich in die Stube. Sie bot mir eine Krawatte ihres Mannes an, die bereits einen Knoten habe. Diese war mir allerdings viel zu bunt. «Dann essen Sie schnell ein Stück Kuchen mit mir? Direkt aus dem Ofen!» Ich ass etwas sehr Süsses, trank einen extrem starken Kaffee dazu und schaute mir Fotos aus der Türkei an. Das junge Paar neben uns lachte mich aus. Krawatten seien extrem spiessig. Sie verabschiedeten mich schnell mit einem mitleidigen Blick, drückten mir einen Flyer mit der Einladung zu ihrem Improvisationstheater in die Hand. Vier Haustüren später fand ich einen Beamten, der mir einen Knoten in Hans Krawatte zauberte. «Wo sind wir bloss hingekommen, dass Männer das heute nicht mehr können?», jammerte er.

Spannend, seine Nachbarn kennen zu lernen. Dazu brauchte es bloss eine Krawatte. Unter welchem Vorwand könnte ich wieder einmal durchs Haus ziehen? Am Ende finde ich hinter den anonymen Türen noch echte Freunde.

Blanca Imboden

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